Willkommen

Herzlich Willkommen

Herzlich Willkommen auf meinem etwas speziellen Blog.

Leider kann ich meine Geschichten, die ich in Amazon veröffentlicht habe, aus rechtlichen Gründen nicht mehr kostenlos zur Verfügung stellen.
Hier werdet ihr in Zukunft nur noch Geschichten lesen können, die ich nicht veröffentlichen werde.

Ich bitte euch um Verständnis.



Hier dreht sich alles um Wolle. Es gibt hier keine Strickanleitungen oder Strickmuster. Auch wird nicht über verschiedene Wollarten oder Nadelstärken gefachsimpelt.

Ich habe ein Faible für Wolle. Schon seit meiner frühesten Kindheit faszinierte mich die Wolle. Sie kann weich, dick, kuschelig, fusselig und auch kratzig sein. Immer wenn ich als Kind nicht schlafen konnte, wollte ich etwas Wollenes mit ins Bett nehmen.
Später, als Teenager bemerkte ich die sexuelle Anziehungkraft, die Wolle für mich ausstrahlt.
Ich trug sie auf der Haut, wenn ich in die Schule ging. Es erregte mich sehr, wenn ich die Mädchen und Frauen in ihren verschiedenen wollenen Kleidungsstücken sah. Ich gab sehr viel Geld aus, um mir solche faszinierenden Wollsachen zu kaufen, sie zu tragen und mich auch sexuell darin zu befriedigen. Heute bin ich soweit, dass ich gerne Männer und Frauen scharf mache mit meinen Wollsachen, um sie dann zu vernaschen.

Die meisten Leser, die hierhin, zu meinem Blog kommen, wissen von was ich schreibe. Den meisten wird es ähnlich gehen wie mir.

Hier drin schreibe ich meine Fantasien nieder. Manch einem gefällt es, manch einem aber nicht. Manche Geschichten beinhalten auch ein Quentchen Wahrheit.

In unregelmässigen Abständen werde ich weitere Geschichten hier posten. Es sind meistens Fortsetzungsgeschichten. Teilweise sind sie schon fertig geschrieben. Es gibt auch solche, die noch in Bearbeitung sind.

Wie ich in den Statistiken sehen kann, wird der Blog gerne gelesen.
Feedback eurerseits auf meine Stories ist jederzeit willkommen. Man kann auch anonym etwas posten und es können keine Rückschlüsse auf den Schreiber gezogen werden.

Also, bitte, schreibt mir, wie euch die Geschichten gefallen, denn ohne Feedback macht es keinen Spass zu schreiben. Danke.

Neuankömmlinge bitte ich, die ältesten Posts zuerst zu lesen. Es bringt ja nichts, den Gaul von hinten aufzuzäumen.

Mit wollig-kribbelig-kratzigen Grüssen
Saxula

Dienstag, 12. Mai 2015

Angora

Diese Geschichte wurde gesucht. Ich hatte sie mal kopiert, das war im Jahr 2002 (wie die Zeit vergeht ).

Ich veröffentliche nicht gerne Geschichten, die ich nicht selbst geschrieben habe, aber auf ausdrücklichen Wunsch hin, werde ich diese Geschichte gerne allen zugänglich machen. Wie der Originaltitel heisst, weiss ich nicht mehr. Deshalb habe ich einfach 'Angora' gewählt. Ich habe sie ein wenig redigiert und hoffe, alle Rechtschreibefehler gefunden zu haben. Am Sinn, der Wortwahl usw., habe ich nichts geändert.

Ich wünsche allen viel Spass beim Lesen.






Kapitel-1

Unschlüssig stand Peter vor dem beeindruckenden Portal des Sporthotels und fragte sich, was er eigentlich hier verloren hatte. Sicher, er war Gast bei einer Hochzeitsfeier, die Einladung dazu hatte er ja schliesslich in der Tasche. Aber warum war er eingeladen worden? Nur die wenigsten Leute, die durch den Eingang spazierten, hatte er schon einmal gesehen oder wusste gar die Namen. Im Grunde kannte er niemanden gut genug, um eine ausgelassene und fröhliche Hochzeitsparty zu feiern. Er, der chronische Single, sah sich im Geiste schon gelangweilt an einem Tisch sitzen, während sich alle anderen Gäste auf der Tanzfläche vergnügten. Sein Arbeitskollege Georg hatte es bestimmt gut gemeint, als er ihn zu seiner Hochzeit einlud, aber einen Gefallen tat er ihm damit nicht, ganz und gar nicht. Peter bereute es, dass er sich nicht wie so oft mit einer Ausrede entschuldigt hatte. Nun war es zu spät. Sein einziger Trost war, dass Georg und - wie hiess doch gleich seine Braut? Sabrina? - nicht im Hochsommer heirateten, wie so viele andere Paare, sondern im Dezember, ein paar Tage vor Weihnachten. Einen heissen Tag im dunklen Anzug hätte er nie und nimmer durchgestanden.

Mit einem tiefen Seufzer setzte er sich in Bewegung, trat hinter einem eng umschlungenen Pärchen durch den Hoteleingang ins Foyer und befand sich plötzlich inmitten einer Menge festlich gekleideter, lachender und lärmender Menschen. Einen Augenblick später bekam er ein Glas Sekt in die Hand gedrückt. Fast schon ein wenig verzweifelt schaute er sich nach bekannten Gesichtern um. Er entdeckte Hans aus der Kundenbetreuung. Die hübsche Rothaarige musste seine Frau Margit sein. Gerade wollte Peter auf seinen Kollegen zugehen, da bat der Bräutigam zu Kaffee und Kuchen in den Festsaal. Wie beim Sturm auf die Wühltische beim Winterschlussverkauf drängten die Leute durch eine Doppeltüre und gingen zielstrebig zu ihren Tischen. Woher konnten sie wissen, wo ihr Platz war, fragte sich Peter. Dann entdeckte er einen grossen Plan, der direkt neben dem Geschenktisch aufgehängt war. Peter suchte seinen Namen und fand ihn schliesslich ganz rechts oben auf dem Plan. Er las die Namen seiner Tischnachbarn und musste feststellen, dass er wie erwartet den Abend mit ihm völlig unbekannten Leuten verbringen musste. Nach einem erneuten Seufzer legte er verschämt sein kleines Geschenk hinter eine sehr grosse und sehr scheussliche Porzellanvase und ging zu seinem Tisch. Bis auf zwei Stühle war bereits alles besetzt. Höflich stellte er sich vor und liess sich auf seinen Platz nieder.

Im Saal wurde es ruhiger. Offenbar wartete alles auf eine Begrüssungsrede des Gastgebers. Peter, der wie bei solchen Gelegenheiten üblich mit dem Rücken zum Geschehen sass, konnte nicht sehen, was hinter ihm passierte. Stattdessen spielte er mit seinem Namenskärtchen. Der Stuhl neben ihm war noch immer leer. Eine Petra List sollte seine Tischdame sein. So stand es zumindest auf dem Kärtchen. Er kannte sie nicht, der Name war ihm völlig fremd. Peter und Petra, das hätte gepasst, dachte Peter. Aber wahrscheinlich war sie cleverer als er und hatte sich noch rechtzeitig eine Ausrede einfallen lassen, um nicht auf dieser Hochzeit erscheinen zu müssen. Peter widmete sich wieder seinem Tischkärtchen. Plötzlich wirbelte etwas Hellblaues, Pelziges vor seinen Augen herum. Der freie Stuhl wurde zurückgezogen und jemand trat an den Tisch.
"Hallo, ich bin Petra List“, sagte eine leise Stimme.
Neugierig schaute Peter auf und hatte im selben Augenblick das Gefühl, im Himmel zu sein. Neben ihm stand ein Engel, eingehüllt in ein unbeschreiblich flauschiges Cocktailkleid aus schneeweisser Angorawolle. Ihre Schultern wurden von einer nicht minder kuscheligen, hellblauen Angorastola umschlungen, die so riesig war, dass man sie problemlos als Decke hätte verwenden können. Ihre langen, blonden Haare fielen in grossen Locken auf ihre weichen Schultern und schienen dort im tiefen Flausch zu versinken. Nur so konnte ein Engel aussehen. Peter musste heftig gegen das Verlangen ankämpfen, sie anfassen zu wollen, seine Hände in den verführerischen Angoraflausch zu graben. Doch Petra sorgte von ganz alleine dafür, dass er wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde in den Genuss des weichen Angoraflausches kam. Während sie sich auf ihren Stuhl niederliess, glitt eine Ecke der kuscheligen Stola über seine Hand. In Peters Unterleib begann es zu rumoren, und er wollte mehr. Er musste sie einfach berühren, den dichten Angoraflausch durch seine Finger gleiten lassen und sich eng an sie kuscheln. In Gedanken nannte er es "die Begegnung der dritten Art". Doch er fand nicht den Mut dazu, noch nicht.

Während die Gäste bei Kaffee und Kuchen sassen, entwickelte sich ein zaghaftes Gespräch zwischen Peter und Petra. Man erkundigte sich gegenseitig nach den Berufen - Petra hatte vor wenigen Wochen erst die kleine Elektronikfirma ihres Vaters übernommen - und interessierte sich für die Beziehungen zum Brautpaar. Petra war eine ehemalige Studienkollegin von Sandra, der Braut. Zum Glück hatte Peter noch keine Gelegenheit gehabt, um sie anzusprechen, sonst wäre ihm womöglich "Sabrina" herausgerutscht. Er dachte noch an die peinliche Situation, die hätte entstehen können, als Georg um Ruhe für eine längst erwartete Ansprache bat. Im selben Moment drehte Petra ihm den Rücken zu. Jetzt oder nie, dachte Peter. Wie zufällig rutschte seine Hand näher an Petras flauschigen Ellbogen. Nur noch wenige Zentimeter! Doch wieder verliess ihn der Mut. Feigling, dachte er und beschränkte sich darauf, ihr herrlich weiches Kleid nur mit den Augen zu geniessen.

Von der Rede des Bräutigams, wie auch den vielen Ansprachen und Vorführungen, die während des Abends noch folgten, bekam Peter so gut wie nichts mit. Immer wenn Petra sich zur Bühne drehte, hing sein Blick auf ihrem kuschelweichen Rücken. Bei jedem Klatschen oder Lachen wogte der dichte Flausch sanft hin und her. Er konnte sich nicht sattsehen. Darum war Peter unendlich enttäuscht, als der Saal abgedunkelt und zum Tanz aufgefordert wurde. Was hätte er für eine weitere langweilige Rede gegeben. Innerhalb kürzester Zeit sassen die beiden alleine am Tisch. Die laute Musik machte eine Unterhaltung praktisch unmöglich. So begann Peter wieder mit seinem Tischkärtchen zu spielen.
"Gute Musik, oder?", schrie Petra plötzlich, um die Kapelle zu übertönen.
"Och ja, nicht schlecht."
"Kannst du tanzen?"
"Es geht“, antwortete Peter, " und du?"
Petra zuckte mit den Schultern.
"Sollen wir es trotzdem versuchen? Möchtest du tanzen?", wollte Peter wissen und konnte kaum glauben, was da gerade gesagt hatte. Er war doch sonst nicht so couragiert. Ohne zu antworten rutschte Petra ihren Stuhl zurück und erhob sich langsam. Im Gegensatz dazu schoss Peter wie eine Rakete in die Höhe. Tollpatsch, der er war, stiess er dabei mit dem Knie so heftig an den Tisch, dass das Klirren der Gläser sogar die Kapelle für eine Sekunde aus dem Takt brachte. Petra stand dabei und grinste. Ganz ruhig, dachte Peter, ganz ruhig. In gebührendem Abstand gingen die beiden nebeneinander zur Tanzfläche. Dort drehte sich Petra zu ihm und wartete darauf, in die Arme genommen zu werden. Peter zitterte. Jetzt durfte er sie anfassen! Was wird das für ein Gefühl sein, fragte er sich aufgeregt.
"Worauf wartest du?", wollte Petra wissen und streckte ihm die Arme entgegen.
"Oh, äh, ich ... ich überlege was das für ein Tanz ist“, schwindelte Peter.
"Slow Fox, glaube ich."
Auch das noch, dachte Peter, machte einen entschlossenen Schritt auf sie zu, ergriff ihre linke Hand und legte seine linke vorsichtig um ihre Hüften. Warmer, unbeschreiblich weicher und tiefer Angoraflausch umschmeichelte seine Finger. Ganz automatisch streichelte er ein paar Mal hoch und runter. Es war ein wahres Erlebnis. Doch Petra setzte noch einen drauf. Sie legte ihre rechte Hand nicht auf seinen Arm, so wie es sich gehörte, sondern umschlang seinen Hals, sodass seine Wange auf ihrem kuscheligen Oberarm lag. Es war ein Rausch der Sinne. Vor allem seinen kleinen Freund unterhalb der Gürtellinie schien dieses sanfte Kitzeln zu Höchstleistungen zu stimulieren. Aus dem kleinen Feigling war ein mächtiger Kerl geworden. Hoffentlich merkt sie nichts, bangte Peter und versuchte, sich ein wenig mehr auf das Tanzen zu konzentrieren. Es gelang ihm ganz gut, nur seine rechte Hand wollte ihm nicht so recht gehorchen. Sie streichelte unablässig Petras flauschigen Rücken.
"Gefällt dir wohl“, flüsterte Petra laut in sein Ohr.
"Ja, prima Musik."
"Ich meine mein Angorakleid."
Peter antwortete nicht, aber sein geniesserischer Gesichtsausdruck verriet, dass Petra ihn ertappt hatte. Sie kuschelte sich noch ein klein wenig enger an ihn. Auch die Kapelle schien es gut mit ihm zu meinen und spielte gleich drei langsame Titel hintereinander.

Doch auch der schönste Traum nimmt einmal ein Ende. Das dachte Peter, als der Bandleader einen "fetzigen Rock'n'Roll" ankündigte und Petra seine Hand los liess. Ihr Arm glitt von seinen Schultern, ein letztes Mal spürte er den superweichen Angoraflausch an seiner Wange vorbeigleiten. Schade. Noch wusste er nicht, dass dieser Traum erst begonnen hatte.
"Rock'n'Roll kann ich nicht tanzen“, entschuldigte sich Petra. "Ausserdem brauche ich dringend frische Luft. Hast du Lust, mich nach draussen zu begleiten?"
Peter nickte heftig mit dem Kopf. Plötzlich machte Petra einen Schritt zurück und verzog ihr Gesicht.
"Oh Gott, dein Anzug."
"Du fusselst ein bisschen“, sagte Peter und schnipste ein paar Härchen von seinem dunklen Jackett. "Aber das war's wert."
Mit einem beschämten Lächeln bedankte sich Petra für das Kompliment und hakte sich bei ihm ein.

Während drinnen die Kapelle Elvis Konkurrenz machte, spazierten die beiden nach draussen. Eisige Luft verschlug ihnen fast den Atem, als sie durch eine Seitentür in den winterlichen Hotelgarten traten. Das fahle Mondlicht beleuchtete die kahlen Pflanzen und schaffte eine gespenstische und doch romantische Atmosphäre. Petra zog die riesige Stola über den Kopf und wickelte sich fest ein. Nun sah sie noch attraktiver aus, als sie es ohnehin schon war. Petra, die wunderschöne, junge Frau in einem Traum aus kuschelweicher Angorawolle schien von einer leuchtenden Aura umgeben. War sie vielleicht wirklich ein Engel? Peter suchte nach einem Kompliment, doch er fand keines, das auch nur annähernd das beschreiben konnte, was er empfand. Also schwieg er und genoss einfach nur den schönen Moment.

"Ich möchte nach Hause“, sagte Petra irgendwann. "Es ist spät, ich bin müde und ausserdem ist mir entsetzlich kalt."
"Wirklich?"
Die Enttäuschung in Peters Stimme war unüberhörbar. Doch bevor er noch versuchen konnte, um sie zum Bleiben zu überreden, hakte sie sich wieder bei ihm ein und drängte darauf, ins Hotel zu gehen. Auch für Peter gab es nun keinen Grund mehr, länger zu bleiben. Gemeinsam verabschiedeten sie sich vom Brautpaar, bedankten sich höflich für die Einladung und schlenderten dann zur Garderobe.
"Kann ich dich nach Hause fahren?", fragte Peter, während Petra die Reihen der Garderobenständer absuchte.
"Nein, danke. Ich bin mit dem eigenen Auto da."
Sie zog die Augenbrauen hoch, griff zwischen die Mäntel und zog einen sündhaft teuren, weissen und voluminösen Pelzmantel hervor.
"Hältst du mal?", fragte sie und legte den Mantel in seine Arme. Auch schön weich, dachte er und streichelte über das dichte Fell. Petra nahm ihre Stola von den Schultern, faltete sie einmal der Länge nach und wickelte sie dann mehrfach um ihren Kopf. Die Enden verknotete sie locker unter ihrem Kinn. Dann liess sie sich von Peter in den warmen Pelzmantel helfen. Schliesslich kramte sie in den Manteltaschen, brachte ein Paar dicke, hellblaue Angorahandschuhe zum Vorschein und streifte sie über.
"Ist was?", fragte Petra.
"Du siehst grossartig aus“, antwortete Peter.
"Danke sehr. Und du bist ein lieber Kerl. Ich fände es sehr schade, wenn wir uns nicht wiedersehen würden. Was meinst du?"
"Geht mir auch so. Wir könnten uns ja mal zum Essen verabreden."
"Ich habe eine bessere Idee. Morgen ist Sonntag. Ich hätte Lust, einen kleinen Ausflug zu unternehmen. Vorausgesetzt du hast Zeit, dann begleite mich doch."
"Das würde ich mir unter keinen Umständen entgehen lassen. Ich hole dich ab."
"Sagen wir um zehn?"
Peter nickte heftig. Damit hätte er in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet.

Zum Abschied bekam Peter sogar einen kleinen Kuss auf die Wange, ein paar Streicheleinheiten durch die flauschige Stola und eine Visitenkarte mit ihrer privaten Adresse. Petra stieg in ihr BMW Cabrio, winkte ihm zu und brauste davon. Peter schaute ihr noch nach, als sie schon längst hinter der nächsten Kurve verschwunden war. Gleich würde er aufwachen und merken, dass alles nur Phantasie gewesen war. Wie in Trance fuhr auch er schliesslich nach Hause. Kaum hatte er die Wohnungstüre hinter sich geschlossen, ging er auf dem direkten Wege ins Schlafzimmer. Ziemlich achtlos liess er seine Klamotten auf den Fussboden fallen und kroch unter seine Decken. Die flauschige Schlafdecke, die er während der kalten Monate im Bett hatte, war zwar nur ein kläglicher Ersatz für Petra, aber trotzdem kuschelte er noch einen Moment damit, bevor er einschlief

Kapitel-2
Der neue Morgen kam mit wolkenlosem Himmel und eisiger Kälte. Peter brauchte nicht erst die Nase nach draussen zu stecken. Die mit Raureif überzogene Landschaft machte eindrucksvoll deutlich, dass warme Kleidung angesagt war. Peter freute sich auf den Tag, den er mit einer heissen und vor allem ausgiebigen Dusche begann. Es folgte das Zähneputzen und Rasieren, dem Anlass entsprechend besonders gründlich. Danach baute er sich vor seinem Kleiderschrank auf und überlegte, was er anziehen sollte. Er wollte gut aussehen, aber nicht overdressed. Ärgerlich musste er feststellen, dass seine Garderobe nicht gerade auf dem aktuellen Stand der Mode war. Da ihm die Zeit davon lief, entschied er sich letztlich für seine besten Blue-Jeans und ein grünes Holzfällerhemd aus Baumwollflanell, dazu dunkelblaue Socken und braune, derbe Stiefel. Ganz ordentlich, fand Peter und schlüpfte in seine braune Lederparka. Nur noch eine halbe Stunde Zeit, Peter musste sich beeilen. Es waren immerhin gute zehn Kilometer bis zu Petra und zu spät kommen, das war das letzte, was er wollte.

Die Strasse, in der Petra wohnte, war schnell gefunden. Eine gute Viertelstunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt stellte er seinen Wagen vor einem kleinen Reihenhäuschen ab. Er verglich noch einmal die Hausnummer mit der auf der Visitenkarte abgedruckten Zahl, nur um ganz sicher zu gehen. Sie stimmte, er war richtig. Und nun? Eine Zigarette hätte ihm vielleicht ein wenig geholfen, seine Nervosität zu überwinden, aber nach Rauch stinken, nein! Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten und die Uhr in seinem Armaturenbrett anzustarren. Um 9:48 konnte er die Anspannung nicht mehr erwarten. Er musste raus aus dem Auto. Er zitterte. War es nun die Erregung oder nur die Kälte? Egal, er ging zur Haustür, lass auf dem kleinen Schildchen am Briefkasten den Namen P. List und drückte den Klingelknopf.
"Ja?", kam es aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage.
Vor Schreck wusste Peter nicht, wie er sich melden sollte.
"Peter, bist du es?"
"Ja!"
"Schon? Ich habe total verschlafen."
Der Türöffner summte und Peter trat in einen hellen Flur voller Pflanzen. Zischen zwei grossen Palmen führte eine breite Wendeltreppe in den zweiten Stock.
"Komm nur rauf“, rief Petra von oben.
Peter war ziemlich enttäuscht, als der das Ende der Treppe erreicht hatte und Petra sah. Sie war ausgesprochen hübsch, aber weite Jeans und ein schlabbriges Sweat-Shirt, das war nicht die Kleidung, die er sich gewünscht hatte.
"Schön, dass du gekommen bist. Möchtest du einen Kaffee trinken?"
"Gerne."
Für einen Augenblick verschwand sie in der Küche, kehrte aber bald mit zwei dampfenden Becher zurück.
"Milch und Zucker stehen auf dem Tisch. Möchtest du?"
"Ja, beides."
"Bist wohl auch ein Süsser. Setz dich! Entschuldige, aber ich will mich noch schön machen und muss dich leider für ein paar Minuten alleine lassen."
"Ist ok“, sagte Peter noch, aber sie war schon auf dem Weg ins Erdgeschoss.
Gemütliche Wohnung, dachte Peter, als er sich umschaute. Modern und teuer eingerichtet mit vielen weiteren Pflanzen aller Art, mit Möbeln aus Chrom, Glas und schwarzem Leder. Über den beiden Sofas lag jeweils eine Decke aus echtem Fuchspelz, über der Rückenlehne des einzigen Sessels hing eine feuerrote und herrlich flauschige Angoradecke. Statt Teppichen lagen zahlreiche Lammfelle auf dem Parkettfussboden. Hier konnte man sich wohlfühlen, fand er und nuckelte an seinem Kaffee.

Hatte Petra nicht von >ein paar Minuten< gesprochen? Nun war sie schon fast zwanzig Minuten weg. Die Warterei wirkte alles andere als vorteilhaft auf Peters Nerven. Er fürchtete schon, dass ihr etwas passiert sein könnte, sie womöglich im Badezimmer ausgerutscht war, als er endlich Schritte auf der Wendeltreppe hörte. Seine Gesichtszüge froren ein. Er merkte nicht einmal, dass er Augen und Mund weit aufgerissen hatte, dass ihm fast die Zunge heraus hing und seine Hände zitterten. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass es noch eine Steigerung zu Petras Aussehen während der Hochzeit geben könnte. Er hatte sich geirrt, und wie! Petra war wieder von Kopf bis Fuss in reine Angorawolle eingehüllt. Schon der eisblaue, lange Angorapullover mit seinem voluminösen Rollkragen war unbeschreiblich flauschig und dick. Dazu trug sie eine farblich passende Angorahose, die knapp über den Fussgelenken endete. Ihre Füsse steckten in zierlichen, weissen Stiefeletten mit schmalen Pelzkragen. Zwischen Hose und Stiefel schaute etwas weisser Angoraflausch hervor. Hatte sie etwa eine Angorastrumpfhose darunter an? Erst jetzt bemerkte Peter unter dem Rollkragen ihres herrlichen Angorapullovers einen zweiten Rollkragen. Ganz offensichtlich hatte sich Petra gleich in mehrere Schichten Angorawolle gekuschelt. Sie sah einfach phantastisch aus. Vermutlich wusste sie das auch, denn sie lächelte glücklich.
"Mein Kaffee ist inzwischen sicher kalt geworden“, sagte sie und trat an den Tisch.
"Kein Wunder, du warst ziemlich lange weg. Aber es hat sich gelohnt“, meinte Peter und liess sich zu einer kurzen Berührung am Arm hinreissen.
"Danke. Schön dass es dir gefällt. Ich bin leider ziemlich verfroren und muss mich warm einpacken."
Leider? Hatte sie eben leider gesagt? Peter konnte es nicht fassen. Was würde er darum geben, sich einmal so weich und flauschig einkuscheln zu dürfen. In ihm keimte ein Gefühl von Neid auf.
"Wie wäre es, wenn wir gleich zu unserem Ausflug aufbrechen. Vielleicht komme ich unterwegs zu einer Tasse Kaffee“, schlug Petra vor.
"Gerne, wohin soll es eigentlich gehen?"
"Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Hast du einen Vorschlag?"
"Ich war noch nie im Winter am Bodensee. Dort soll es zu dieser Jahreszeit besonders romantisch sein, heisst es."
"Gute Idee, aber ist das nicht zu weit."
"Ich habe ein schnelles Auto. In einer guten Stunde sind wir dort."
"Wenn das so ist, worauf warten wir noch?"
Petra nahm Peter bei der Hand und zog ihn hinter sich her die Wendeltrappe hinunter. Erst unten im Flur liess sie ihn los und trat an einen Garderobenschrank mit verspiegelten Türen. Plötzlich drehte sie sich zu Peter und schaute ihn mit fragendem Blick an.
"Was meinst du? Pelzmantel oder Strickjacke?"
"Äh, wie? Oh, das überlasse ich dir. Eine Jacke wäre vielleicht komfortabler."
Mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken stimmte sie ihm zu und öffnete den Schrank. Eine solche Auswahl verschiedener Pelze hatte Peter bisher nur in Pelzgeschäften gesehen. Es mochten so an die zwanzig Mäntel und Jacken aus unterschiedlichen Fellen sein. Offenbar hatte sich Petra bei diesem Anblick spontan anders entschieden und wählte eine lange Pelzjacke mit Kapuze aus, die an eine Parka erinnerte. Die Aussenseite war weiss, die Innenseite hellblau. Mit einem genüsslichen Ausdruck in ihrem Gesicht schlüpfte sie in die Jacke und knöpfte sie zur Hälfte zu. Mit einem Mal wurde Peter klar, das war keine Pelzjacke, nein! Es war eine der dicksten und flauschigsten Angorastrickjacken, die Peter je gesehen hatte. Während Peter sich noch darum bemühte, seine Fassung zu bewahren, griff Petra erneut in den Garderobenschrank und brachte noch mehr flauschige Angorastricksachen zum Vorschein. Der arme Kerl war kurz davor, den Verstand zu verlieren, als er Petra dabei beobachtete, wie sie sich zuerst eine riesige, weisse Ballonmütze über den Kopf zog und mit den daran angestrickten, dicken Kordeln unter dem Kinn verknotete, wie sie einen hellblauen Angoraschal - nein, es war die Stola, die sie zur Hochzeit getragen hatte - über die Schultern drapierte und wie sie schliesslich gleich in drei Paar Fingerhandschuhe aus Angorawolle schlüpfte. Petras dicke Verpackung hätte selbst einen Eisbären vor Neid erblassen lassen, wenn dessen Fell nicht ohnehin schon weiss wäre. Doch trotz der vielen Kleiderschichten, sah Petra keineswegs unförmig aus, im Gegenteil. Nach wie vor bewegte sie sich elegant und geschmeidig. Peter wusste nicht, welches Gefühl stärker war. Der Neid auf ihre kuschelweichen Angorastricksachen, der Stolz mit einer so attraktiven Frau ausgehen zu dürfen oder das Verlangen, sie fest in die Arme zu nehmen, um sie nie mehr wieder loszulassen. Zunächst aber war er schon dankbar, als sie ihn wieder bei der Hand nahm und aus dem Haus begleitete.
"Oh Gott, ist das kalt heute! Wenn ich das gewusst hätte“, stöhnte Petra.
"Wie? Spürst du die Kälte etwa noch?"
"Ja sicher."
"Aber so warm wie du angezogen bist ... ich meine, noch dicker geht es ja wohl nicht."
"Hast du eine Ahnung! Ich sagte doch, dass ich schrecklich verfroren bin“, antwortete Petra und kuschelte sich tief in ihre flauschige Angorajacke. "Und bei deinem Anblick wird mir erst recht kalt“, fügte sie hinzu.
"Mir ist nicht kalt, nur ein bisschen frisch."
"Warte hier“, sagte Petra plötzlich, liess ihn neben seinem Wagen stehen und eilte zurück ins Haus. Einen Augenblick später erschien sie wieder in der Tür und winkte mit einem leuchtend blauen Angorapullover.
"Kommst du bitte nochmal herein“, rief sie ihm zu.
Mit einem Schulterzucken setzte sich Peter in Bewegung.
"Ist noch was?"
"Der müsste dir passen“, sagte Petra und drückte ihm den flauschig weichen Pulli in die Hand.
"Ich sagte doch, mir ist nicht kalt“, meinte der und gab ihr den Kuschelpulli zurück.
"Du willst es nur nicht zugeben. Was ein richtiger Kerl ist, der friert nie, oder? Du musst mir nichts beweisen. Also zieh` den Pulli endlich an."
"Aber das ist ein ... äh ... ein Damenpullover."
"Wie kommst du darauf? Er ist weder rosa, noch hat er irgendwelche Rüschen oder Schleifchen oder Herzchen oder was weiss ich."
"Aber er ist aus Angorawolle“, erwiderte Peter.
Was tat er da eigentlich? Er wollte doch so gerne einmal einen kuscheligen Angorapullover tragen und nun wehrte er sich dagegen.
"Warum sollte ein Mann keine Angorawolle tragen. Das ist doch Blödsinn."
"Aber Angorawolle ist doch so ... ähem, du weisst schon."
Mit spitzen Fingern, als könnte man sich daran verletzten, strichelte er über den feinen Flaum.
"... flauschig? Gefällt dir das etwa nicht?"
"Doch schon, aber ..."
Peter fiel kein Argument mehr ein. Mehr noch, er musste Petra Recht geben. Trotzdem, als sie ihm den flauschigen Pullover wieder in die Hand drückte, dieses Mal mit etwas mehr Nachdruck, griff er nur zögerlich zu. Doch Petra liess ihm keine Wahl. Wie einem kleinen Jungen zog sie ihm die Lederjacke aus, knöpfte sein Hemd auf und streifte es ihm vom Körper. Als Peter noch immer zögerte, raffte sie den Angorapullover zusammen und stülpte ihn über Peters Kopf. Weich, war Peters erster Gedanke. Fast automatisch steckte er die Arme durch die weiten Ärmel. Unglaublich weich, dachte er, während Petra den Pulli bis über den Hosenbund zog und zurecht zupfte. Schliesslich schlug sie den dicken Rollkragen dreimal um und sagte:
"Du siehst klasse aus."
"Wirklich?"
"Ja, du kannst es mir glauben. Und nun sollten wir wirklich gehen, sonst können wir unseren Ausflug vergessen."
Noch bevor Peter seine Lederjacke überziehen konnte, wurde er bereits von Petra zur Haustür hinaus geschoben. Hoffentlich sieht mich keiner, dachte er und blickte sich unsicher nach allen Richtungen um. Ein paar 100 Meter entfernt machte er einen Jogger aus, der zu Peters Entsetzen plötzlich einen Zwischenspurt einlegte und beängstigend rasch näher kam. Nun drängte Peter zur Eile. Trotzdem hielt er Petra höflich die Beifahrertür seines Wagens auf, wartete aber ungeduldig, bis sie endlich eingestiegen war. Der Jogger kam unaufhörlich näher, war keine 50 Meter mehr entfernt. Hektisch drückte er die Autotür ins Schloss und wollte um sein Auto herum laufen, doch eine unsichtbare Kraft hielt ihn fest. Seine Lederjacke war in der Tür eingeklemmt und der Jogger nur noch 20 Meter weit weg. Nervös zerrte Peter an der Jacke, bekam sie mit einem kräftigen Ruck endlich frei, wirbelte herum und wäre fast mit dem Sportler zusammengeprallt. "Hoppla, Morgen“, keuchte der und trabte weiter. Etwas irritiert ging Peter um den Wagen herum und schaute dem Mann nach. In diesem Moment drehte sich der Typ, lief ein paar Schritte rückwärts und grinste dabei.
"Das war mein Nachbar“, sagte Petra schmunzelnd, während Peter sich hinter das Lenkrad setzte. "Eine fürchterliche Tratschtante. Wenn man ein Gerücht verbreiten will, braucht man es nur ihm zu stecken. Einen Tag später spricht die ganze Stadt davon. Morgen weiss sicher jeder, dass ich mit einem Mann weggefahren bin."
"Mit einem Mann, der Damenklamotten trägt. Hast du gesehen, wie der mich angegrinst hat?"
"Nö, und ausserdem ist das kein Damenpulli, sondern ein herrlich kuscheliger, wunderschöner Angorapullover, sonst gar nichts."
Peter gab sich geschlagen. Wollte er einen schönen Ausflug gemeinsam mit seiner neuen Freundin erleben, dann musste er nun in den sauren, aber zugegeben traumhaft kuscheligen Apfel beissen. Er startete den Wagen, rollte an und musste sogleich hart auf die Bremse treten. Nur Zentimeter vor ihm stoppte ein dunkler Lieferwagen. Zwei schwarz gekleidete Personen stürzten heraus und rannten auf Peters Wagen zu, rissen die Türen auf und zerrten die beiden überraschten Ausflügler heraus. Mit roher Gewalt wurde Peter mit der Brust auf die Kühlerhaube gedrückt und sein rechter Arm auf den Rücken gedreht. Der Schmerz war so unerträglich, dass ihm die Tränen in die Augen schossen. Durch den wässrigen Schleier konnte er nur undeutlich sehen, wie man die kreischende, sich heftig wehrende Petra zum Lieferwagen schleppte und äusserst unsanft hinein stiess.
"Was soll das?“, hörte er sich schreien.
"Schnauze halten“, und ein harter Schlag auf die Schläfe war die Antwort.

Als Peter wieder zu sich kam, lag er noch immer über die Motorhaube seines Wagens gebeugt. Sein Schädel brummte und sein Arm brannte wie Feuer. Ausserdem steckte etwas in seinem Mund, das nach staubigem Papier schmeckte. Tatsächlich war es ein zerknüllter Zettel. Der Lieferwagen war weg, Petra auch. Er stand unter einem leichten Schock, war verwirrt, zitterte am ganzen Körper und starrte ratlos auf den mit Schreibmaschine verfassten Text auf dem Zettel.

Wir geben Frau List die Möglichkeit zur Erfüllung eines Vertrages, den ihre Firma LISTRONIC gebrochen hat. Wir haben kein Interesse daran, Frau List zu verletzen, sondern werden sie nach Vertragserfüllung unversehrt freilassen. Wir erwarten, dass Sie sich absolut ruhig verhalten. Sollten wir jedoch feststellen, dass die Polizei eingeschaltet wurde, wird Frau List nicht überleben.

SIR

SIR? Das war sicher keine höfliche Anrede, sondern das Kürzel irgendeiner Verbrecherorganisation, mit der sich Petra womöglich eingelassen hatte. Petra und Verbrechen? Er kannte sie gerade einmal ein paar Stunden, aber dass das hübsche, kuschelige Mädchen in kriminelle Machenschaften verwickelt sein sollte, konnte er sich nicht vorstellen. Das passte einfach nicht zusammen. Niemals!

Hilflos schaute sich Peter in der menschenleeren Siedlung um. Es schien, als hätte keiner der Anwohner etwas von der Entführung bemerkt. War es vielleicht nur ein schlechter Traum? Nein, der schmerzende Arm, sein Brummschädel und Petras Tasche auf dem Beifahrersitz waren Beweis genug, dass er tatsächlich Zeuge und Opfer eines Verbrechens geworden war. Er griff sich die Tasche, kramte darin nach dem Schlüssel zu Petras Haus und rannte zur Tür. Hektisch stocherte er am Schloss herum, bis der Schlüssel endlich das Schlüsselloch traf. Er öffnete nur einen schmalen Spalt, zwängte sich hindurch, liess sich mit dem Rücken gegen die Tür fallen und holte erst einmal richtig Luft.

Langsam nahm sein Gehirn die Arbeit wieder auf und ihm wurde klar, dass er etwas unternehmen musste, und zwar schnell. Das einfachste wäre gewesen, die Polizei zu informieren, doch es erschien ihm zu riskant. Peter könnte sich nie verzeihen, wenn Petra etwas passieren sollte, nur weil er die Drohung der Entführer nicht ernst genommen hatte. Stattdessen entschied er, zunächst die Familie zu benachrichtigen und begab sich auf die Suche nach einem Telefon. Dieses hatte er auch schnell gefunden. Aber was nutzte es ihm ohne die Telefonnummer ihrer Eltern. Irgendwo musste doch ein Verzeichnis zu finden sein. Jeder Mensch hat sein privates Telefonbuch, dachte er und begann alle Schubladen und Regalfächer in der Nähe des Telefons zu durchstöbern. Er blieb erfolglos. Dann erst fiel ihm auf, dass das Telefon mehrere Speichertasten hatte. Im selben Moment, da er die erste Taste drücken wollte, summte das Telefon leise und im Display erschien das Wort ELTERN. Nach kurzem Zögern nahm er den Hörer ab.
"Hier bei List."
"Entschuldigung, ich habe mich verwählt", sagte eine Männerstimme.
"Halt, warten Sie!", rief Peter aufgeregt. "Wer ist da bitte?"
"List, Herman List“, bekam er zur Antwort.
"Sind Sie Petras Vater?"
"Ja."
"Gott sei Dank“, seufzte Peter. "Mein Name ist Peter Faller. Ich bin in der Wohnung ihrer Tochter. Es ... es ist etwas schreckliches passiert."
"Ist etwas mit meiner Tochter?"
"Ja, sie ... sie wurde vor wenigen Minuten entführt."
Am anderen Ende der Leitung blieb es still.
"Hallo, sind sie noch dran?"
"Wer sind sie?"
"Ich bin ein Freund. Ich war dabei, als es passierte und wollte sie gerade anrufen. Ich weiss nicht, was ich tun soll."
"Entführt sagen Sie?"
"Ja“, schrie Peter schrill und verzweifelt.
"Von wem?"
"Weiss ich nicht. Ich habe ein Schreiben der Entführer. Es ist mit SIR unterschrieben. S-I-R. Können sie etwas damit anfangen?"
"Nein. Was ist mit der Polizei?"
"Keine Polizei steht auf dem Zettel."
Wieder herrschte für ein paar endlose Sekunden Schweigen. Peter hörte nur den schweren Atem von Petras Vater.
"Bleiben sie wo sie sind. Ich bin in einer halben Stunde bei ihnen."

Peter hielt den Telefonhörer noch lange in der Hand, obwohl das Gespräch schon längst unterbrochen war. Er versuchte nachzudenken. SIR, was hatten diese drei Buchstaben zu bedeuten? RAF, IRA, KGB und CIA kamen ihm in den Sinn. Alle diese Abkürzungen hatten etwas mit Terror, Kriminalität, Brutalität oder Spionage zu tun. In was war seine neue Freundin da nur hineingeraten? War es vielleicht nur eine Verwechslung? Nein, auf dem Zettel, den man ihm in den Mund gestopft hatte, waren ausdrücklich Petras Name und der ihrer Firma genannt.

Die Warterei auf Petras Vater war unerträglich. Mal setzte sich Peter auf das Sofa, um zu entspannen, mal lief er gehetzt im Zimmer umher und schaute dabei unablässig auf seine Armbanduhr. Es kam ihm vor wie eine Erlösung, als er endlich hörte, wie vor dem Haus eine Autotür schlug. Im nächsten Augenblick wurde die Haustüre geöffnet. Endlich kam Petras Vater. Erst als dieser schon auf der Wendeltreppe nach oben stieg, fiel Peter ein, dass er noch immer den blauen Angorapulli trug. Doch nun war es zu spät, den kuscheligen Pulli los zu werden. Zudem war nur eines wichtig: Petra!

Herr List war ein zierlicher, weisshaariger Mann Ende sechzig. Er hatte unendlich viele Lachfalten um die Augen, was so gar nicht zu dem steinernen Gesichtsausdruck, zu der aschfahlen Haut und den tief in die schwarzen Höhlen versunkenen Augen passte. Dieser Mann hatte Angst.
"Sind Sie Herr Faller?", fragte eine belegte Stimme.
"Ja, der bin ich."
Der alte Mann musterte Peter von oben bis unten. Die Tatsache, dass Peter in einem voluminösen Angorapullover steckte, schien ihn nicht weiter zu irritieren. Stattdessen quälte sich ein kleines Lächeln über sein Gesicht, während er Peter die Hand gab.
"Ich mache mir grosse Vorwürfe, dass ich Petra nicht helfen konnte. Es ging alles so schnell“, sagte Peter.
"Was ist denn genau passiert?", wollte Petras Vater wissen.
So detailliert wie möglich versuchte Peter die Geschehnisse kurz vor und während der Entführung zu schildern. Der Schrecken war dem alten Mann ins Gesicht geschrieben. Als er den Zettel mit den Forderungen zu lesen bekam, liess er sich in einen der Sessel fallen, setzte mit zittriger Hand seine Lesebrille auf und murmelte leise die Worte vor sich hin. Dann schien er einen Moment zu überlegen, bevor er zu Peter aufschaute und fragte:
"Wie gut kennen Sie meine Tochter?"
"Um ehrlich zu sein, eigentlich überhaupt nicht. Wir sind uns gestern bei einer Hochzeit zum ersten Mal begegnet, warum?"
"Würden Sie mir trotzdem helfen?"
"Ja, natürlich, nichts lieber als das. Wissen Sie, wer SIR ist, beziehungsweise wer dahinter steckt?"
"Ich fürchte ja. Hören Sie, ich bin ein alter Mann und gesundheitlich nicht mehr ganz auf der Höhe. Sie machen einen netten Eindruck auf mich und ich brauche jemanden, auf den ich mich verlassen kann."
"Das können sie, hundertprozentig. Aber nun sagen sie schon, wer ist SIR."
"Nun gut“, sagte Herr List und räusperte sich. Seine Stimme klang etwas gefasste, als er fortfuhr: "Vor knapp einem Jahr bekam meine Firma den Auftrag zur Entwicklung und Herstellung eines elektronischen Bauteils nach einer gelieferten Zeichnung. Der Kunde hiess Reiter & Immeran Spielwaren. Merken sie was?"
Peter dachte nach, was ihm in Anbetracht der gespannten Situation schwer fiel.
"Reiter & Immeran Spielwaren“, sagte Herr List. "Das Firmenzeichen trägt die drei Initialen RIS, umgedreht SIR. Es war ein sehr spezielles und teures Elektronikbauteil und so fragten wir uns, für welche Spielzeug es gebraucht werden könnte. Man wollte es uns nicht sagen, tat stattdessen sehr geheimnisvoll und behauptete, dass es eine Neuentwicklung sei und die Konkurrenz nichts davon erfahren dürfe. Nun sind wir ja keine Hinterwäldler. Nachdem wir uns längere Zeit mit den Plänen und den Anforderungen an die Materialien beschäftigt hatten, wurde uns klar, dass es sich um ein besonderes Spielzeug handelte, das mit hoher Geschwindigkeit weite Strecken fliegen kann."
"Ein Modellflugzeug?"
"Eine Rakete! Es würde zu weit führen, Ihnen zu erklären, wie wir darauf kamen, aber wir waren uns sicher, dass es sich um eine kleine Rakete handeln musste, die sich auf das Ziel programmieren und ohne aufwendige Rampe abschiessen liesse. Nach dem Erreichen des Ziels würde die Rakete nicht sofort explodieren, sondern erst nach einer vorbestimmten Zeit. Die Entwicklung dieser Zeitschaltuhr, um es einmal so banal zu nennen, wäre die Aufgabe von LISTRONIC gewesen. Aufträge dieser Art, also für die Produktion von Waffen unterliegen allerdings strengsten Genehmigungsverfahren. Zunächst versuchte der Kunde uns glauben zu machen, dass es sich wirklich um ein harmloses Kinderspielzeug handele, dann versuchten sie es mit Bestechung, Selbstverständlich ohne Erfolg, und schliesslich mit diversen Drohungen. Nun, eine dieser Drohungen haben sie jetzt in die Tat umgesetzt."
"Warum sind sie nicht zur Polizei gegangen?"
"Weil ich einfach Angst hatte."
Herr List legte sein Gesicht in seine Hände und begann leise zu schluchzen. Auch Peter war zum Heulen zumute. Plötzlich hob der alte Mann seinen Kopf, wischte sich vehement eine Träne von der Wange und sagte:
"Meine Frau darf um Gottes Willen nichts erfahren. Sie würde den Schock nicht überleben."
"Sie können sich auf mich verlassen“, versicherte Peter.
Herr List schaute ihn dankbar an und sank wieder in sich zusammen. Seine Haut schien noch grauer, die Augenhöhlen noch tiefer geworden zu sein. Hoffentlich macht der nicht auch noch schlapp, dachte Peter verzweifelt.
"Herr List, sind sie in Ordnung?"
"Es geht schon. Danke. Ich bin nur etwas schwach. Würden sie mir bitte das Telefon geben?"
Peter drückte ihm den Hörer in die Hand, das Gerät selbst behielt aber er. Zitternd wählte Herr List eine lange Nummer und wartete dann ungeduldig. Dann, nach endlosen Sekunden schrie er fast in die Sprechmuschel:
"Frau Steegmann, Gott sei Dank, sie sind zu Hause. Es tut mir leid, wenn ich sie am Sonntag störe, aber es ist etwas Schreckliches passiert. Meine Tochter wurde entführt...ja, entführt...ich brauche ihre Hilfe. Können Sie schnellstmöglich zum Haus meiner Tochter kommen. Sie wissen ja wo sie wohnt...Oh danke, vielen Dank."
Er brauchte einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen. Peter nutzte die Gelegenheit und holte ihm ein Glas Wasser aus der Küche.
"Danke, sie sind ein netter Kerl. Sie passen zu meiner Petra."
Das fand Peter auch. Wenn sie nur da wäre, seine Petra.
"Frau Steegmann ist unsere Entwicklungsleiterin. Sie weiss über alles Bescheid. Fast so etwas wie ein wandelnder Computer. Sie wird uns sicher gut unterstützen können."

Keine zehn Minuten später klingelte es an der Haustüre. Peter, der inzwischen seine Lederjacke abgelegt hatte, eilte hinunter ins Erdgeschoss. Auf der Treppe fiel ihm der Angorapullover wieder ein, der noch immer seinen Körper umschmeichelte. Für einen Moment zögerte er, fragte sich, ob Zeit genug war, den flauschigen Angorapulli auszuziehen und in sein Hemd zu schlüpfen, das er auf einem Hocker neben der Garderobe entdeckt hatte. Es klingelte erneut. Nein, zum Umziehen hatte er keine Zeit mehr. Er drückte die Türklinke nieder, riss die Haustür auf und stand vor einer bildhübschen, etwa 30-jährigen Frau mit kurzen, blonden Haaren.
"Sind sie Frau Steegmann?", fragte er ungläubig und verschluckte sich fast dabei.
Er hatte eher eine ältere Dame mit hochgesteckten Haaren und einer Lesebrille an einer Goldkette um den Hals erwartet.
"Ja, und wer sind sie?", antwortete Frau Steegmann.
"Peter Faller. Kommen sie bitte herein."
"Sind sie der Freund von Petra?"
"Sozusagen."
"Schöner Pulli!"
"Wie? Äh ja, danke, es ist nicht meiner, nur geliehen."
"Von Petra, nehme ich an. Wo ist sie?"
"Wenn ich das nur wüsste“, seufzte Peter. "Aber kommen sie bitte nach oben. Herr List wartet schon auf sie. Er ist in keiner guten Verfassung."
Mit einer schwungvollen Handbewegung deutete Peter auf die Treppe und liess ihr den Vortritt. Als sie das Wohnzimmer erreichten huschte ein Lächeln der Erleichterung über das Gesicht des alten Mannes. Frau Steegmann ging vor ihm in die Knie und umarmte ihren ehemaligen Chef.
"Was ist passiert?"
Herr List hob den Kopf, wollte etwas sagen, brachte aber nur ein ersticktes Krächzen heraus. Peter sprang für ihn ein, erzählte das schreckliche Erlebnis ein zweites Mal und fügte hinzu, was er inzwischen von Petras Vater erfahren hatte. Als er fertig war herrschte zunächst ernstes Schweigen. Nur das Röcheln des alten Mannes war zu hören. Es hatte einen besorgniserregenden Klang. Frau Steegmann ergriff plötzlich Peters Arm und drängte ihn ein paar Schritte weg von Herrn List.
"Ihm geht es wirklich nicht gut“, stellte sie fest und Peter nickte heftig. "Wir müssen ihn nach Hause bringen und dann die Polizei einschalten."
"Herr List möchte auf keinen Fall, dass die Polizei eingeschaltet wird. Bringen wir ihn erst einmal heim und beraten dann, was zu tun ist. Seiner Frau erzählen wir, dass Petra überraschend auf Geschäftsreise musste. Es ist besser, wenn sie die Wahrheit nicht erfährt“, meinte Peter.
"Gut, sie hat ein schwaches Herz. Wir sagen ihr einfach, dass wir uns noch zu einer Besprechung getroffen hatten und ihr Mann einen Schwächeanfall bekam, nachdem Petra bereits abgeflogen war."

Eine halbe Stunde später lieferten sie Herrn List bei seiner Frau ab. Die kugelrunde, ältere Dame mit mindestens so vielen Lachfalten im Gesicht, wie ihr Mann nahm sich sofort seiner an, legte ihn auf ein urgemütlich aussehendes Sofa und deckte ihn mit einer flauschigen Decke zu.
"Sie müssen Petras Freund sein“, sagte sie zu Peter.
"Sie rief mich heute Morgen ganz aufgeregt an und erzählte mir von ihnen. Seltsam, dass sie die Geschäftsreise nicht erwähnte. Aber sie war so aufgeregt, dass sie es wahrscheinlich vergessen hat. Sie müssen grossen Eindruck auf sie gemacht haben, sonst hätte sie ihnen niemals einen ihrer Angorapullis gegeben."
Peter schaute an sich herunter. Hatte er doch dieses peinliche Teil doch immer noch an. Obwohl, so peinlich war ihm der kuschelige Pullover gar nicht mehr. Bisher schien sich niemand daran zu stören, dass er als Mann einen so flauschigen Pulli trug, also warum sollte er sich dafür schämen?
"Wir müssen gehen. Wir erwarten Nachricht von Petra."
"Richten sie ihr aus, dass ich böse auf sie bin, weil sie mir nichts von der Geschäftsreise gesagt hat“, meinte Frau List lächelnd, während sie zur Haustür gingen.

"Wohin jetzt?", fragte Frau Steegmann, als sie wieder in ihrem Wagen sassen.
"Ich schlage vor, wir fahren zu Petras Wohnung. Vielleicht melden sich die Entführer dort. Wenn ich nur wüsste, was wir sonst noch unternehmen könnten. Ich darf gar nicht daran denken, wie es Petra im Moment wohl gehen muss."
Frau Steegmann nickte vielsagend und startete den Motor ihres funkelnagelneuen C-Klasse Mercedes und würgte ihn sogleich wieder ab. Offenbar machte ihr die Entführung noch mehr zu schaffen, als es den äusserlichen Anschein hatte. Zurück in der Wohnung gab sie dann auch zu, dass sie und Petra eng befreundet waren, obwohl ihr Vater es nicht gerne hatte, wenn Angestellte enge freundschaftliche Beziehungen zur Geschäftsleitung hatten. Daraus könne leicht Neid und Missgunst entstehen.

Frau Steegmann legte ihre Parka ab, die sie die ganze Zeit über bis zum Kinn zugeknöpft getragen hatte. Und schon wieder keimte in Peter das Verlangen auf, auch diese Frau berühren zu wollen. Sie trug einen kunterbunten, beinahe knielangen Pullover aus flauschigem Mohair. Durch die elektrostatische Aufladung knisterte der Pulli leise. Der üppige Flausch zitterte dabei, als sei er lebendig.
"Soll ich uns Kaffee machen?", fragte sie lächelnd, denn ihr war Peters lechzender Blick nicht entgangen. Der stotterte nur etwas Ähnliches wie "ja" und beobachtete, wie sie in die Küche ging und der dichte Mohairflausch bei jeder Bewegung hin und her wogte. Plötzlich fühlte er sich ziemlich mies. Während Petra in höchster Gefahr war, dachte er nur an sein Vergnügen. Du solltest Dich schämen, sagte er leise zu sich selbst.
"Bitte?", fragte Frau Steegmann und stellte ein Tablett mit Kaffeegeschirr auf dem Wohnzimmertisch ab.
"Nichts. Ich führe manchmal Selbstgespräche. Ich finde, wir sollten uns irgendwann einmal Gedanken machen, wie wir Petra helfen können."
"Ich denke an nichts anderes, aber mir fällt nichts ein."
Peter kramte den Zettel mit der Drohung aus der Hosentasche und las ihn ein weiteres Mal. Vielleicht versteckte sich hinter der schrecklichen Botschaft ein Hinweis.
"Die Polizei würde den Zettel sicher gleich auf Fingerabdrücke und irgendwelche Hautpartikel untersuchen“, meinte Frau Steegmann und setzte sich dicht an Peters Seite. Der musste sich mächtig zusammennehmen, um seine Gedanken nicht wieder abschweifen zu lassen.
"Das hat keinen Sinn“, meinte er nach ein paar Sekunden Schweigen. Nur das Fauchen der Kaffeemaschine war zu hören. "Die wussten, warum sie mir den Drohbrief in den Mund steckten. Man würde sicher nur Speichelreste von mir und dazu noch meine Fingerabdrücke finden. Ich nehme an, sie werden in Kürze Kontakt mit uns aufnehmen. Darauf sollten wir vorbereitet sein. Was werden wir ihnen sagen?"
Für einen Moment lang, schaute Frau Steegmann fast hypnotisch auf den Zettel, fast so, als wolle sie ihm per Zauberkraft des Rätsels Lösung entlocken. Dann fuhr sie mit den Händen in den Rollkragen ihres Mohairpullovers, zog ihn hoch bis an ihre zierliche Nase und versuchte nachzudenken.
"Könnten sie dieses elektronische Bauteil denn nicht einfach doch herstellen?"
"Wir könnten nicht nur, wir haben. Um ganz ehrlich zu sein, der Prototyp liegt sogar schon im Safe. Aber wissen sie, was das bedeuten würde, wenn dieses Bauteil in die falschen Hände gerät? Käme diese Rakete mit unserer Elektronik zum Einsatz, wären wir mitverantwortlich für den Tod vieler Menschen. Und trotzdem ist dadurch nicht sichergestellt, dass Petra irgendwann freigelassen wird. Davon einmal abgesehen, hält Petra diese Entführung nicht lange durch, ganz zu schweigen von ihren Eltern."
"Sie haben leider recht. Aber fällt Ihnen etwas Besseres ein?"
"Lassen wir doch das sie weg. Ich heisse Kathrin."
"Peter."
Mit nachdenklicher Mine erhob sich Kathrin und ging in die Küche, um den Kaffee zu holen. Gerade als sie mit zwei Kaffeebechern ins Wohnzimmer zurück kam, klingelte das Telefon. Die beiden zuckten heftig zusammen und schauten sich erschreckt an. Nach zwei weiteren schrillen, wie Warnsirenen klingenden Tönen fasste sich Kathrin ein Herz und nahm den Hörer von der Gabel.
"Hier bei List“, sagte Kathrin mit zitternder Stimme.
Plötzlich nickte sie aufs heftigste und zeigte auf die Lautsprechertaste des Telefons. Peter begriff und drückte die Taste.
"Mein Name ist Steegmann. Ich bin Entwicklungschefin bei LISTRONIC."
"Warum sind sie nicht an ihrem Arbeitsplatz und arbeiten endlich an unserem Auftrag?", wollte der Anrufer wissen. In seiner Stimme lag ein hämischer und zugleich überheblicher Unterton. Peter ballte unbewusst die Faust.
"Von welchem Auftrag sprechen Sie?"
"Das wissen sie ganz genau, liebe Entwicklungschefin. Sie sollten nicht versuchen, uns für dumm zu verkaufen. Also? Vergessen sie nicht, dass wir ein ziemlich gutes Druckmittel haben!"
Zuerst will ich wissen, wie es Frau List geht“, sagte Kathrin mir nun etwas festerer Stimme.
"Oh, ihr geht es gut. Wir haben ihr kein Härchen gekrümmt, bis jetzt. Wir mussten ihr nur den Mund zukleben. Ich wusste gar nicht, dass Unternehmertöchter einen solch hässlichen Wortschatz besitzen."
"Ich verlange mit ihr sprechen."
"Sie haben hier nichts zu verlangen. Es ist zwar nicht unsere Art, aber wir können ihnen gerne den kleinen Finger der Lady zukommen lassen, um sie zur Arbeit an unserem Auftrag zu überreden."
Mit Entsetzten starrte Peter auf das Telefon. Plötzlich weiteten sich seine Augen. War das zu fassen? Das Display zeigte eine Telefonnummer an! Eine Nummer mit Vorwahl aus der Stadt!
"Einen Zettel, einen Stift, schnell“, schrie Peter so leise es ging.
Kathrin formte mit ihren Lippen das Wort SCHREIBTISCH. Fast hätte Peter den gläsernen Schreibtisch umgeworfen, so hastig war er darauf zu gestürzt. Er griff sich Papier und Bleistift und eilte zurück zum Telefon. In seiner Hektik und Anspannung hämmerte er Zahl um Zahl auf das Papier, als wolle er die Nummer auf den Zettel meisseln. Das konnte der stärkste Stift nicht überstehen. Nach nur drei Ziffern brach die Miene ab und kullerte über den Tisch. Peter packte sie, klemmt sie zwischen die Finger, riss sich am Riemen und notierte den Rest.
"Ich mache ihnen einen Vorschlag“, hörte Peter Kathrin sagen. "Wir erfüllen den Auftrag und bauen ihr Scheissteil. Das wird aber ein paar Tage dauern. Dafür lassen sie Frau List frei, und zwar sofort."
"Frau Steegmaier, ..."
"Mann, ich heisse Steegmann."
"Von mir aus“, maulte der Anrufer. "Wir sind doch beide Geschäftsleute. Nicht wahr? Zuerst die Arbeit, dann die Bezahlung, das ist doch allgemein so üblich. Je schneller sie fertig werden, desto früher lassen wir Frau List frei. Sie haben maximal zwei Wochen Zeit. Danach lassen wir ihre Freundin ebenfalls gehen, vorausgesetzt sie kann dann noch gehen. Haben wir uns verstanden?"
"Das werden sie nicht wagen."
"Möchten sie es darauf ankommen lassen?"
"Nein. Aber ich möchte jetzt mit Frau List sprechen."
Als Antwort bekamen die beiden nur ein leises Klick zu hören. Die Leitung war unterbrochen. In Zeitlupengeschwindigkeit legte Kathrin auf, schaute Peter ängstlich an und liess sich dann in seine Arme fallen. Tröstende Worte fielen ihm keine ein. Er selbst hätte Trost bitter nötig gehabt. Stattdessen streichelte er zärtlich über ihren flauschigen Rücken. Kathrin schien sich sofort zu entspannen und auch Peter fühlte sich gleich ein wenig besser. Die Weichheit und Wärme des kuscheligen Mohairflausches gab ihm das Gefühl der Geborgenheit.
"Was hast du auf den Zettel geschrieben?", wollte sie nach ein paar schweigsamen Minuten wissen.
"Hast du nicht gesehen, dass die Telefonnummer auf dem Display angezeigt wurde? Der Typ telefonierte mit ISDN und wusste das nicht, oder er vergass, die Anzeige zu unterdrücken. Auf jeden Fall haben wir die Nummer."
"Das ist fantastisch“, jubelte Kathrin, hielt aber plötzlich inne. "Und was fangen wir damit an?"
Wortlos nahm Peter das Telefon, wählte die Nummer der Auskunft und wartete, bis sich jemand meldete.
"Hallo, guten Tag, hier ist Ritter, Reisebüro List. Ähm, ich habe da ein Problem."
"Ja?", meinte die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.
"Für einen Firmenkunden muss ich ein Flugticket ausstellen und am Flughafen hinterlegen lassen. Ich hatte mir die Adresse des Kunden auch genau aufgeschrieben, aber dann meinen Kaffee über den Zettel verschüttet. Nur die Telefonnummer kann ich noch lesen. Meine Chefin reisst mir den Kopf ab."
"Und was kann ich nun für Sie tun?"
"Ich möchte Sie um den dazu passenden Namen bitten?", sagte Peter.
"Den darf ich Ihnen leider nicht nennen."
"Dann kann ich mir gleich meine Papiere abholen und eine neue Arbeit suchen“, heulte Peter.
Das schien Eindruck auf die Dame am anderen Ende der Leitung gemacht zu haben. Nach einem kurzen Seufzer sagte sie:
"Geben Sie mir mal die Nummer durch."
"Aber wenn Sie nun auch noch Schwierigkeiten bekommen", entgegnete Peter und nannte die Zahlen, ganz langsam und deutlich, um ja keinen Fehler zu machen.
"Unter dieser Nummer finde ich leider keine Firma IS IMMOBILIEN. Tut mir leid."
Peter schaltete schnell.
"Ojeh, dann werde ich wohl doch dort anrufen und nach dem Namen des Kunden fragen müssen. Trotzdem, vielen Dank“, sagte Peter mit vorgespielter Enttäuschung und legte auf.
Kathrin, die das Gespräch mitgehört hatte, grinste bis über beide Ohren, während sie das Telefonbuch zur Hand nahm und nach der Adresse von IS Immobilien suchte. Es dauerte nur Sekunden, bis sie triumphierend auf die Adresse der Firma deutete.
"Wir sollten ein Detektivbüro eröffnen“, sagte Peter.
"Bei deinem Talent für Lügengeschichten. Wäre eine Überlegung wert. Lass uns zu dieser Adresse fahren und ein bisschen rumschnüffeln."
"Nur einen winzigen Augenblick. Ich will endlich diesen Angorapulli wieder loswerden."
"Dafür ist jetzt keine Zeit. Ausserdem steht er dir hervorragend."
Liebevoll ordnete sie seinen riesigen Rollkragen, streichelte genüsslich über den kuscheligen Flausch und warf ihm schliesslich seine Lederjacke zu.
"Aber das ist ein Damenpullover."
"Quatsch! Nun komm schon."
Es schien so, als ob Peter diesen peinlichen Angorapullover nie mehr loswerden konnte. Wollte er das denn wirklich? War er denn wirklich so peinlich. Es war keine Zeit weiter über diese Frage nachzudenken. Kathrin stand bereits ungeduldig an der Treppe.

Wenige Minuten später fuhr Kathrin ihren Mercedes aus der Wohnsiedlung hinaus auf die Hauptstrasse in Richtung Innenstadt. Doch schon bei der nächsten Kreuzung verliess sie die vierspurige Strasse wieder und lenkte den Wagen auf die Autobahn.
"Ich dachte, die Firma ist irgendwo in der Stadtmitte“, stellte Peter verwundert fest.
"Ist sie auch. Ich fürchte aber, wir werden verfolgt."
Hektisch drehte sich Peter um, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches feststellen. Hinter ihnen fuhren zwei ältere Damen in einem goldfarbenen Golf, dahinter befanden sich zwei japanische Kleinwagen.
"Siehst du den roten Toyota? Der ist schon hinter uns, seit wir losgefahren sind. Ich bin nicht sicher. Kann auch Zufall sein. Aber wir sollten kein Risiko eingehen. Wenn die Entführer rauskriegen, dass wir die Adresse kennen, werden sie Petra an einen anderen Ort bringen. Fahr schon, du Idiot!"
Peter zuckte zusammen und versuchte herauszufinden, was Kathrins Unmut hervorgerufen hatte. Er kam nicht mehr dazu. Sie hatte bereits das Gaspedal durchgedrückt und schoss vorwärts, direkt auf die linke der drei Fahrspuren. Ungläubig starrte er auf die Tachonadel, die sich rasant der 200er-Marke näherte, diese schliesslich weit überschritt. Im Augenwinkel sah er ein Schild mit Tempolimit 100 vorbeirasen.
"Ähm ..."
"Ich hab's gesehen“, meinte Kathrin nur und drückte weiter aufs Gas.
"Siehst du den da vorn auch?", wollte Peter wissen und deutete auf einen roten Golf, dessen Abstand atemberaubend schnell kleiner wurde.
"Ja“, rief Kathrin und betätigte vehement die Lichthupe.
Der Golffahrer wechselte fast panisch auf die mittlere Fahrspur und zeigte Kathrin den Vogel, als sie vorbei jagten.
"Ist der Toyota noch hinter uns?"
Peter konnte sich nur mit Mühe in seinem Sitz nach hinten drehen.
"Ja, der ist auch ziemlich schnell."
Doch dann tat ihnen der Fahrer des roten Golf unbewusst einen grossen Gefallen. Ohne erkennbaren Grund wechselte er wieder nach links und bremste den Toyota brutal aus. Peter sah nur noch weisse Rauchwolken aufsteigen, als der Fahrer des Japaners in die Bremsen stieg, dann war auch schon aus dem Blickfeld verschwunden.
"Ätsch“, rief Peter hämisch und orientierte sich wieder in Fahrrichtung.
"Zu früh gefreut“, sagte Kathrin. "Da kommt er schon wieder."
"Mist, so werden wir den nicht los. Da hilft nur eine List."
"Gutes Stichwort, danke."
"Was hast du nun schon wieder vor?"
"Warts ab“, sagte, Kathrin, verlangsamte die Geschwindigkeit und verliess die Autobahn bei der nächsten Ausfahrt. Der Toyota folgte wie ein treuer Hund. Er wich nicht von ihrem Heck, bis sie auf den Firmenparkplatz von LISTRONIC fuhren. Erst als der Mercedes auf den mit >Dr. Steegmann< gekennzeichneten Stellplatz rollte, passierte sie der rote Sportwagen. Kathrin forderte Peter auf, ihr zu folgen und ging zielstrebig auf die Pforte zu. Dem Pförtner war es offensichtlich peinlich, dass er von seiner Chefin dabei ertappt wurde, wie er sich einen uralten, schmalzgeladenen Heimatfilm auf einem der zahlreichen Monitore ansah. Er hatte es sich so richtig gemütlich gemacht und war reichlich mit Kaffee und Kuchen eingedeckt. Als er Kathrin erkannte, sprang er auf, stand stramm und verschluckte sich mächtig an einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Hustend und mit vollem Mund brabbelte er eine unverständliche Begrüssung.
"Guten Tag, Herr Pelz, lassen sie sich nicht stören. Ich möchte den ruhigen Sonntag nutzen und mit diesem Kunden ein paar wichtige Dinge besprechen."
"Ist recht“, antwortete Pelz und schnappte nach Luft.
Er drückte einen Knopf auf dem Schaltpult vor sich und gab damit den Weg durch eine Türe aus Panzerglas frei.
"Der müsste eigentlich Faulpelz heissen“, sagte Kathrin schmunzelnd, als die Türe hinter den beiden ins Schloss fiel.
"Wohin gehen wir?"
"In mein Büro. Dort werden wir alle Lichter einschalten und so den Eindruck erwecken, als würden wir mit Hochdruck an unserem Auftrag arbeiten."
"Und was werden wir wirklich tun?"
"In die Stadt fahren, was sonst."
Sie wird schon wissen, was sie tut, dachte Peter und folgte ihr in den vierten Stock. Am Ende eines langen Ganges betraten sie ein grosszügiges, modern eingerichtetes Büro. Kathrin machte Licht, nahm einen Stapel Papier in die Hand und ging damit zum Fenster.
"Wie ich es mir gedacht habe“, sagte sie und blätterte in den Papieren. "Da unten an der Ecke steht der rote Toyota."
"Na prima, und wie geht es nun weiter?"
"Wir werden uns einen Firmenwagen aus der Garage holen und über den Hof unseres Nachbarn wegfahren. Solange mein Mercedes vor der Firma steht und hier oben Licht brennt, werden sich unsere Verfolger nicht von der Stelle rühren."
"Clever!"
"Nicht wahr“, sagte Kathrin und zwinkerte Peter zu.

Es war ein Kinderspiel. Nachdem sie sich noch eine Weile in Kathrins Büro aufgehalten und abwechselnd besonders auffällig ans Fenster gestellt hatten, holten sie sich aus dem Fuhrpark einen weissen Opel und verliessen das Firmengelände über den Hof der benachbarten Spedition. Auf direktem Wege und ohne roten Toyota im Nacken fuhren sie in die Innenstadt bis zu einem Bürogebäude mit der passenden Adresse. IS IMMOBILIEN stand an einem der zahlreichen, glänzenden Messingschildern am Eingang. Es dämmerte bereits, doch mit Ausnahme der Lobby brannte nirgendwo Licht an. Vermutlich war niemand bis auf einen Pförtner im Gebäude. Im zweiten Stock hingen mehrere Transparente mit der Aufschrift >zu vermieten< in den Fenstern.
"Wolltest du nicht schon immer ein Büro in der Stadt?", fragte Peter.
Kathrin schaute ihn verwundert an.
"Nun, wir sind die neuen Mieter“, bemerkte er schmunzelnd und stieg aus dem Wagen. Er ging geradewegs auf den Eingang zu und klopfte an eine der Glastüren. Ein älterer Mann in Uniform hob den Kopf, setzte sich eine Schildmütze auf und schritt gemächlich auf Peter und Kathrin zu. Er suchte nach dem passenden Schlüssel an seinem enormen Schlüsselbund und nach einigen Fehlversuchen endlich fündig.
"Guten Abend“, sagte er mit fragendem Blick.
"N'abend, Faller mein Name, wir sind die neuen Mieter der Büros im zweiten Stock. Wir müssen die Räume nochmals genau ausmessen. Kathi, gibst du mir die Schlüssel?"
Kathrin reagierte sofort, kramte in den Taschen des Parkas nach dem imaginären und bekam plötzlich einen absolut glaubwürdigen, erschreckten Gesichtsausdruck.
"Ich glaube, ich habe ihn in meiner Handtasche und die liegt zu Hause."
"Na toll. Und nun? Sollen wir den ganzen Weg noch einmal zurückfahren?"
"Vielleicht kann ich ihnen helfen?", meinte der Sicherheitsmann. "Ich habe Schlüssel für alle Büros im Haus."
"Oh, danke, aber sie kennen uns doch nicht. Wir möchten sie nicht in Verlegenheit bringen. Nein, wir werden unsere Schlüssel holen müssen."
Peter bekam einen schmerzhaften Tritt in die Hacken.
"Ich habe zwar meine Vorschriften, aber ich glaube, bei ihnen kann ich eine Ausnahme machen."
"Danke, sehr nett“, sagte Kathrin, um zu verhindern, dass Peter ihr Spielchen noch weiter auf die Spitze trieb. Der Uniformierte lächelte freundlich und ging mit klimperndem Schlüsselbund voraus.
"Arbeiten Sie hier regelmässig?", fragte Peter, als sie im Lift nach oben fuhren.
"Ja, ich bin bei einem Security-Service angestellt und bin sozusagen der Nachtwächter."
"Prima, dann laden wir sie hiermit zu unserer Einweihungsfeier in zwei Wochen ein."
"Vielen Dank, da komme ich gerne."
Der Lift stoppte, die Türen öffneten sich und gaben den Blick frei auf eine weitere Glastüre und dahinter einen kahlen, frisch renovierten Flur. Der Mann schloss auf und liess die beiden eintreten.
"Danke, Herr ..."
"Friesch"
"Danke Herr Friesch“, sagte Peter freundlich. "Sie können wieder nach unten gehen. Wir werden hier sicher eine halbe Stunde zu tun haben. Wenn wir fertig sind, melden wir uns bei ihnen ab."
Der Uniformierte nickte und fuhr mit dem Lift wieder zu seinem Arbeitsplatz hinunter.

Unschlüssig standen die beiden auf dem Büroflur. Wie sollten sie von hier aus in die Räume der Immobilienfirma kommen. Der Securitymann würde den Aufzug zweifellos hören. Eine Feuertreppe, die es mit Sicherheit geben musste, hatten sie noch keine gesehen. Neugierig trat Kathrin durch die nächstgelegene Türe in eines der Büros. Es war vollkommen leer. Der Geruch von frischer Wandfarbe hing noch in der Luft. Das Licht der weihnachtlich geschmückten Schaufenster eines Kaufhauses gegenüber war so hell, dass man sogar die Farbklekse auf dem Teppichboden sehen konnte. Peter kam in den Raum und machte ein paar Schritte zum Fenster. Plötzlich fiel sein Blick auf den Fussboden vor einem der Heizkörper. Er liess sich auf die Knie nieder und strich mit der Hand über den rauen Teppich.
"Petra war hier“, sagte er aufgeregt.
"Wie kommst du darauf?"
Kathrin eilte zu ihm und liess sich ebenfalls auf den Fussboden sinken. Peter rubbelte etwas kräftiger über den Teppich und übergab ihr einige helle Staubflocken.
"Das ist Angora“, stellte sie fest.
"Ja genau. Petra war heute ganz in Angora gekleidet."
"Petra ist immer in Angora gekleidet“, korrigierte Kathrin.
"So lange kenne ich sie noch nicht, aber ich weiss, dass sie heute eine weisse Angorajacke trug. Und das hier“, Peter rieb die Flusen zwischen seinen Fingern, "das ist eindeutig weisse Angorawolle."
"Du hast recht. Petra muss hier gewesen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Maler Angorakittel trugen, als sie die Büros renovierten."
Mit einem müden Lächeln lehnte Peter sich mit dem Rücken an die Heizung. Ein paar Sekunden lang hielten seine Jacke und der Angorapulli die stechende Hitze von seinem Körper fern. Dann schreckte er plötzlich auf.
"Heiss!", rief er und starrte wütend auf den Heizkörper, genau auf einige glänzende Kratzer im sonst makellosen Lack einer der Heizrippen. Offensichtlich hatten die Entführer seine Freundin an die glühende Heizung gefesselt, vermutlich mit Handschellen. Das grenzte schon fast an Folter. So dick wie Petra in Angorawolle eingepackt war, musste sie sich wie ein lebendiges Kaninchen auf einem Grill vorgekommen sein. Peter schaute auf und wollte Kathrin von seiner Entdeckung berichten, doch er fand sich alleine im Raum. Im nächsten Moment hörte er, wie eine schwere Türe ins Schloss fiel. Hastig rappelte er sich auf und eilte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Auf dem Weg zum Ende des Flures schaute er in jedes Büro, doch Kathrin war nirgends zu entdecken. Hinter einer Ecke fand er schliesslich eine massive Metalltüre, die er vorsichtig öffnete. Er stand vor einer Steintreppe in einem stockdunklen Treppenhaus.
"Kathrin?", rief er leise in die gespenstische Finsternis.
Keine Antwort. Unentschlossen machte er einen Schritt in das schwarze nichts. Mit einem dumpfen Knall schloss sich hinter ihm die Tür. Plötzlich konnte Peter die Hand nicht mehr vor Augen sehen. Im nächsten Augenblick hatte er die Orientierung verloren. Mit ausgestreckter Hand und winzigen Schritten tastete er sich vorwärts bis er mit der Fussspitze an etwas Hartes stiess. Es war eine Treppenstufe. Bald darauf hatte er das Geländer ertastet.
"Kathrin“, rief er wieder, diesmal etwas lauter. Für eine Sekunde glaubte er eine Antwort gehört zu haben. Er lauschte eine Zeit lang in die Dunkelheit, dann tastete er sich weiter nach oben. In Gedanken zählte er die Stufen bis er nach 15 ins Leere trat und fast gestürzt wäre. Peter hatte die dritte Etage und die Büroräume der IS IMMOBILIEN erreicht. Obwohl er sich nun schon mehr als fünf Minuten im Treppenhaus befand, hatten sich seine Augen noch immer nicht an die Dunkelheit gewöhnt. Er musste sich weiter vorantasten, bis endlich das kalte Metall der Brandschutztüre zu spüren war. Im nächsten Moment musste er enttäuscht feststellen, dass sich diese Türe nicht vom Treppenhaus aus öffnen liess. Der runde Knauf in seiner rechten Hand liess sich weder drehen, noch ziehen, noch irgendetwas anderes.
"Kathrin, verdammt noch mal“, fluchte er im Flüsterton und machte sich weiter auf dem Weg die Treppe hinauf. Auch im nächsten Stockwerk versperrte ihm eine Feuertüre den Weg in die Büroräume. Weiter nach oben, macht das Sinn, fragte er sich in Gedanken und rammte sich das Treppengeländer in den Bauch. Leise fluchend und schimpfend stieg er weiter nach oben. Sein Respekt vor blinden Menschen wuchs dabei zunehmend. Was ihn seit wenigen Minuten schwer zu schaffen machte, mussten sie ein Leben lang erdulden. Wie erwartet war auch der Durchgang zu den Büros im fünften Stock versperrt. Also weiter. Peter machte einen Schritt vorwärts und trat auf etwas weiches. Ein ersticktes Quieken war zu hören. Ein Herzschrittmacher hätte diesen Schreck sicher nicht überstanden. Als er seine Hand wieder bewegen konnte, tastete er damit nach seiner Fussspitze und arbeitete sich millimeterweise nach vorne. Nach dem kalten Leder seiner Stiefel fühlte er plötzlich etwas haariges, sehr weiches. Er wurde etwas mutiger und kraulte das flauschige etwas. Die Zartheit und Weichheit von Angorawolle war unverwechselbar.
"Petra? Petra, bist du das?"
Wieder hörte er nur dieses erstickte Quicken, doch dieses Mal war es deutlich länger und klang weniger ängstlich.
"Petra!"
Peter liess sich auf die Knie fallen und wühlte durch den kuscheligen Angoraflausch, der in diesem Moment besonders weich schien, bis er Petras Gesicht berührte.
"Sag doch was!" sagte er glücklich und streichelte das, was er für ihre Wange hielt. Doch seit wann hatte Petra ein kleines Backenbärtchen? Und Augen darunter! Seine Freundin antwortete mit einem unverständlichen Murmeln. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass man seine Freundin mit ihrem riesigen Schal geknebelt hatte. Hastig schob er ihn nach unten und küsste Petra mit einer gehörigen Portion Erleichterung und noch mehr Glück.
"Peter, bist du es?"
"Ja, ja ich bin da!", rief er erleichtert.
"Mein Gott, bin ich froh, dass du da bist. Wo bin ich und wie hast du mich gefunden?"
"Das erzähle ich dir später. Zuerst müssen wir weg von hier."
"Das geht nicht."
Als Petra ihre Hände schüttelte, hallte metallisches Klimpern durch das Treppenhaus. Sie waren mit Handschellen an das Geländer gefesselt. Die Freude über seinen Erfolg bei der Suche nach Petra wich tiefer Enttäuschung und Ratlosigkeit. Selbst bei Tageslicht hätte sich Peter schwer getan ein Paar Handschellen zu knacken. Bei absoluter Dunkelheit aber war es ein unlösbares Problem. Ihm war zum Heulen zumute, als er sich neben Petra auf den kalten Steinboden setzte und seinen Kopf an ihre weiche Schulter lehnte. Eine Ewigkeit später, in Wirklichkeit aber waren es nur Sekunden, drang von unten ein schwacher Lichtschimmer durch das Treppenhaus.
Ein leises "Hallo" drang nach oben. Dann, etwas lauter: "Hallo, Peter, kannst du mich hören?"
"Kathrin, ich bin hier oben, ganz oben am Ende der Treppe, und ich habe Petra gefunden."
"Was?", schrie Kathrin schrill.
"Ja, Petra ist hier bei mir. Es geht ihr gut, aber sie ist mit Handschellen ans Treppengeländer gefesselt."
"Bleibt wo ihr seid."
Was denn sonst, dachte Peter. Soll ich vielleicht die Kette durchbeissen? Die Türe fiel ins Schloss und die totale Finsternis hatte sie wieder.
"Kathrin? Ist das Frau Steegmann? Ist sie auch hier?"
"Ja. Zumindest war sie es bis gerade eben. Wir sind ein ziemlich gutes Detektivteam“, witzelte Peter, obwohl im nicht gerade zum Lachen zumute war. Um Petra und auch sich selbst das Warten auf Kathrins Rückkehr zu verkürzen, erzählte Peter von ihrem Plan, der wilden Autojagd und dem Trick, mit dem sie die Verfolger abschütteln konnten. Er liess nichts aus, auch nicht die Tatsache, dass er noch immer den kuscheligen, blauen Angorapulli trug, den ihm Petra am Vormittag aufgezwungen hatte.
"Wie gerne würde ich mich jetzt an dich kuscheln“, sagte Petra und rüttelte mit den Handschellen.
"Wo bleibt Kathrin nur? Der Pförtner wird sicher misstrauisch, wenn wir uns nicht bald bei ihm blicken lassen. Ich werde mal nach ihr sehen."
Gerade wollte sich Peter aufrappeln, als wieder ein Lichtschimmer ins Treppenhaus fiel. Gleich darauf tanzte ein kleiner Lichtkegel die Treppe herauf, zuerst sehr schnell und hektisch, dann wurde er immer langsamer, bis er fast stehen blieb.
"Ist ... es ... noch ... weit?" keuchte Kathrin.
"Nein, nur noch ein paar Meter“, antwortete Petra begeistert.
Endlich oben angekommen hatte Kathrin gerade noch die Kraft, Peter ein paar Werkzeuge in die Hand zu drücken, dann fiel sie ihrer Chefin um den Hals. Während die Frauen ein paar herzzerreissende Freudentränen vergossen, versuchte Peter zu ertasten, welche Werkzeuge Kathrin mitgebracht hatte. Die Säge war leicht zu erkennen, und die Narbe würde ihn noch in Jahren an das gefährliche Erlebnis erinnern.
"Wenn ich euch mal stören dürfte“, unterbrach Peter das Küssen und Schluchzen. "Wir müssen hier weg. Wer weiss wann die Entführer wiederkommen oder der Pförtner seine Runde macht."
Während Petra den Lichtkegel der Taschenlampe auf die Handschellen richtete, machte sich Peter zunächst mit einer ziemlich mickrigen Kneifzange daran zu schaffen. Bis auf ein paar kleine Kratzer konnte er dem gehärteten Stahl der Kettenglieder nichts anhaben. Die Säge war da schon effektiver, aber es dauerte. Peter sägte mit Höchstgeschwindigkeit, sein Arm brannte bereits wie Feuer, Petra zerrte in regelmässigen Abständen an ihren Fesseln, aber die Kette gab nicht nach. Erst als das Kettenglied an zwei Stellen komplett durchgesägt war, konnte Petra ihre Arme endlich wieder frei bewegen. Glücklich umarmte sie Peter und Kathrin und bedankte sich bei beiden mit einem Kuss auf die Wange.
"Beeilen wir uns“, mahnte nun Kathrin, richtete die Taschenlampe auf die Treppe und machte sich auf den Weg. Peter musste seiner Freundin auf die Beine helfen und beim Treppensteigen stützen, hatte sie doch stundenlang gefesselt auf dem Boden gekauert. Als sie im zweiten Stock angekommen waren, sah Peter, dass die selbstschliessende Feuertüre mit einem Keil vor dem Zufallen gesichert war. Clevere Kathrin. Hätte sie nicht daran gedacht, wären nun alle drei unweigerlich im kalten und dunklen Treppenhaus gefangen gewesen.
Sogar das sanfte Licht des Büroflurs blendete und tat in den Augen weh. Petra hatte die Augen zusammengekniffen und sah erbärmlich aus. In ihrem Gesicht konnte man lesen, wie schrecklich die ungewissen Stunden in der Hand der Entführer für sie gewesen sein mussten. Doch noch war nicht die Zeit, sich zu erholen. Plötzlich setzte sich der Aufzug in Bewegung und fuhr nach unten.
"Der Pförtner“, stellte Peter erschreckt fest.
"Oder die Entführer“, gab Petra zu bedenken. "Sie wollten mir gegen Abend etwas zu essen bringen. Wieviel Uhr ist es?"
"Kurz nach sechs“, antwortete Kathrin. In Ihrer Stimme war ein Anflug von Panik zu hören. Der Aufzug war bereits wieder unterwegs. Ratlos schauten sich die drei an, dann ergriff Peter die Initiative.
"Verstecken wir uns“, befahl er und schob die Frauen in den Raum hinter der nächstgelegenen Tür. Es war ausgerechnet die Damentoilette, was Petra unmittelbar daran erinnerte, dass sie nach mehreren Stunden auf dem kalten Steinboden ein äusserst dringendes Bedürfnis plagte. Sie verzog sich in eine der Kabinen, während die beiden anderen auf den Flur lauschten. Der Aufzug hatte gestoppt. Gebannt starrten sie auf den Lift. Er öffnete sich mit einem leisen Zischen und heraus trat der Securitymann. Einen Augenblick blieb er stehen, schaute sich um, dann machte er sich in ihre Richtung auf den Weg.
"Nicht spülen“, flüsterte Kathrin, doch da rauschte es auch schon so laut wie ein Wasserfall. Der Pförtner horchte auf und beschleunigte seine Schritte.
"Tut mir leid, das mache ich aus Gewohnheit."
"Schon gut“, antwortete Peter, trat hinaus auf den Gang und tat so, als würde er sich den Hosenladen schliessen. Er stiess fast mit dem Pförtner zusammen.
"Wo stecken sie denn?" maulte der.
"Wir sind gerade fertig geworden. Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Nur noch eine Frage: Wo führt die Feuertreppe nach draussen?"
"Es gibt eine Feuertüre zum Hinterhof."
"Sie kontrollieren hoffentlich immer, ob die Tür gut verschlossen ist."
Der Securityspezialist fiel prompt auf Peters Fangfrage herein.
"Eine Brandschutztüre darf nicht abgeschlossen werden, aber sie lässt sich nur vom Treppenhaus aus öffnen.
"Ach richtig“, sagte Peter, schlug sich auf die Stirn und hoffte, dass Petra den Wink verstanden hatte. Sie musste sich heimlich über das Treppenhaus aus dem Gebäude schleichen, denn wie hätte man dem Pförtner sonst erklären können, warum er nur zwei Personen ins Haus gelassen hatte, dann aber drei wieder hinaus wollten.
Nun kam auch Kathrin aus der Damentoilette und zwinkerte Peter zu.
"Können wir gehen?", fragte der.
"Von mir aus."
Der Securitymann war sichtlich erleichtert und eilte voraus zum Lift. Schweigend fuhren sie ins Erdgeschoss. Kathrin und Peter bedankten sich höflich, verliessen das Bürogebäude, setzten sich in ihren Opel und fuhren davon. Doch sie kurvten nur einmal um den Block und hielten direkt vor der Einfahrt zum Hinterhof. Petra wartete schon. Obwohl sie sich in den schützenden Schatten einer Hauswand, verzogen hatte, war sie deutlich zu sehen. Ihr helles Angoraoutfit schien eine eigenartige Leuchtkraft zu haben. Sie reagierte nicht auf den weissen Opel. Erst als Peter aus dem Wagen stieg und ihr "Nun komm schon" zurief, traute sie sich in das helle Licht der Strasse. Peter liess sie vorne einsteigen, nahm selbst hinten Platz und sass kaum, da gab Kathrin Gas

Kapitel-3
Angst und Ungewissheit hatten viel Kraft gekostet. Die drei Freunde waren erschöpft und müde. Petra war in besonders schlechter Verfassung. Wie ein Häufchen Elend hing sie im Gurt, war kreidebleich und atmete schwer. Peter grub seine Hand in den dichten Flausch und kraulte ihre Schulter.
"Wohin jetzt?" wollte Kathrin wissen, als sie den Wegweiser zur Autobahn passierten.
"Zu mir nach Hause“, bat Petra.
"Das ist viel zu gefährlich“, gab Peter zu bedenken und massierte ihren Hals. "Wenn die Entführer merken, dass du befreit worden bist, werden sie dich zuerst bei dir zu hause suchen. Wir fahren zu mir. Niemand kennt mich. Bei mir bist du einigermassen sicher."
"Wahrscheinlich hast du recht. Aber ich muss ein paar Kleider und persönliche Dinge aus dem Haus holen."
"Na gut, aber es muss schnell gehen“, sagte Kathrin, "und wir wollen zuerst nach unseren Freunden im roten Toyota sehen. Wenn sie noch vor der Firma auf uns warten, können wir den Umweg zu deinem Haus riskieren. Wenn nicht, dann wissen sie bereits, dass du abgehauen bist und lassen das Haus sicher beobachten."

Es kam fast so etwas wie Wiedersehensfreude auf, als sie den roten Toyota passierten, der immer noch unbewegt an der Strasse vor LISTRONIC parkte. Für einen kurzen Augenblick konnten sie die zwei Männer sehen, die angestrengt hinauf zu den beleuchteten Bürofenstern der Firma starrten. Peter fiel das Halteverbotsschild auf, das nur wenige Meter weiter stand.
"Halt mal kurz an“, rief Peter, als eine Telefonzelle in Sicht kam.
"Warum?" wollte Kathrin wissen.
"Tu es einfach."
Kathrin bremste scharf, Peter sprang aus dem Wagen und eilte in die Telefonzelle. Mit fragendem Blick beobachteten die beiden Frauen, wie Peter eine kurze Nummer wählte, eine knappe Minute lang in den Hörer sprach und dann wieder auflegte.
"Wen hast du angerufen?" fragte Petra.
"Na als guter Bürger hat man doch die Pflicht, ungewöhnliche Beobachtungen der Polizei zu melden. Findet ihr es denn nicht seltsam, wenn zwei Männer stundenlang in ihrem Wagen sitzen und eine Firma beobachten, die unter anderem für die Rüstung arbeitet. Ausserdem steht der Toyota im Halteverbot. Die Polizei wird sich darum kümmern."
"Ganz schön gerissen“, sagte Petra und kicherte.
"Schade, dass wir keine Zeit haben, um zu sehen, was passiert“, sagte Kathrin und drückte aufs Gas.

Während sie schon auf der Autobahn waren, wunderten sich zwei Männer darüber, dass ein Polizeiwagen hinter ihrem Auto parkte, zwei Beamte ausstiegen und mit den Händen an den Pistolenhalftern auf sie zugingen. Einer der Polizisten baute sich vor dem Toyota auf und notierte sich das Kennzeichen. Der andere bat die beiden Männer höflich auszusteigen und die Personalausweise zu zeigen. Da verlor der Fahrer die Nerven. Er, der sich plötzlich an sein stetig wachsendes Vorstrafenregister erinnerte, startete den Motor und gab Gas. Es wäre sicher ratsam gewesen, auch einen Gang einzulegen. Bei heulendem Motor rührte der in Panik geratene Mann im Getriebe bis der Schalthebel endlich und mit lautem Krachen einrastete. Der Toyota machte einen Satz nach hinten und kam im Motorblock des Polizeifahrzeugs zum Stehen. Die Beamten hatten bereits ihre Waffen gezogen und nach nur wenigen Minuten sassen die beiden, die Hände fest auf den Rücken gefesselt auf dem Rücksitz des Polizeiwagens und wartenden fluchend auf das Eintreffen weiterer >Bullen<.

Indessen war der weisse Opel bereits in Petras Wohngebiet eingebogen. Um sich zu vergewissern, dass keine weitere Überraschung auf sie wartete, fuhr Kathrin am Haus ihrer Freundin zuerst einmal vorbei. Alles war wie sonst, als wäre nichts geschehen. Die Lage schien sicher zu sein. Sie fuhr noch einmal um den Häuserblock, bevor sie unmittelbar vor Petras Haus stoppte. Den Motor liess sie vorsichtshalber laufen.
"Wir sind gleich wieder da“, sagte Peter, verdrehte die Augen und eilte Petra hinterher, die schon ausgestiegen war. Auf dem Weg zum Haus kramte sie in ihrer Jackentasche nach den Schlüsseln. Gar nicht so einfach, wenn man gleich drei Paar Handschuhe trägt.
"Lass mich das machen, sagte Peter, tauchte mit seiner Hand in den weichen Flausch ihrer Angorajacke, suchte die Öffnung der Tasche und kramte nach dem Schlüsselbund. Erst dann fiel ihm ein, dass er die Schlüssel in seiner eigenen Hosentasche hatte. Als er die Türe aufschloss, überkam ihn ein mulmiges Gefühl. Was wenn die Entführer hier bereits auf sie warteten? Gleich würde er den kalten Lauf einer Pistole an der Schläfe fühlen oder einen harten Schlag ins Genick bekommen. Er machte einen vorsichtigen Schritt in den Flur und wurde im nächsten Moment von Petra fast über den Haufen gerannt.
"Ich dachte, wir haben es eilig“, meinte sie. "Hilfst du mir beim Packen?"
"Ja, klar“, sagte er, doch Petra war bereits im Schlafzimmer verschwunden. Achselzuckend folgte er ihr.

Staunend stand er inmitten einem überwältigend eingerichteten Schlafzimmer. Es war ein Traum aus Flausch und Pelz. Der Fussboden war komplett mit dicken Lammfellen ausgelegt, über dem Metallgitterbett lag eine gigantisch grosse und kostbare Decke aus weissem, weichem Fuchspelz, die Kissen darauf hatten allesamt einen flauschigen Überzug aus Angorastrick. Peter träumte davon, seine Freundin zu packen, auf das traumhaft kuschelige Bett zu werfen und hemmungslos mit ihr ... In diesem Moment wurde er fast von einem riesigen Samsonite-Koffer erschlagen, der quer durch das Zimmer geflogen kam und vor ihm auf dem Bett landete. Sein "was soll das" erstickte in einem Meer aus Angoraflausch, das zu einem dicken Pullover gehörte, der ihn mitten im Gesicht traf. Noch bevor er sich ein paar lange Flusen aus dem Mund fischen konnte, kam schon die passende Angorastrickhose geflogen. Der Koffer füllte sich in Windeseile mit einem Berg der kuschelweichsten Kleidungsstücke, die man sich vorstellen konnte.
"Das genügt, das genügt“, rief Peter, "der Koffer ist voll."
"Dann nimm den nächsten“, gab Petra zur Antwort und schubste einen zweiten ins Zimmer. "Ich habe noch lange nicht alles, was ich brauche."
Am Ende hatte Petra beide Koffer, ausserdem eine grosse und eine kleine Reisetasche mit Kleidung und dazu noch eine Ledertasche mit allerlei Toilettenartikeln gefüllt.
"Ich brauche eine grössere Wohnung“, sagte Peter mit ironischem Unterton zu Kathrin, als er die ersten Gepäckstücke in den Kofferraum lud.
"Warum, zieht sie bei dir ein?" fragte sie grinsend. "Beeilt euch bitte."
"Sag ihr das, nicht mir, stöhnte Peter und ging zurück ins Haus. Petra leerte inzwischen den Garderobenschrank. Kaum stand er kopfschüttelnd neben ihr, wurde er auch schon mit zahlreichen, voluminösen Pelzen und dicken Angorastrickjacken beladen.
"Petra, wir haben nur einen kleinen Opel, keinen Tieflader, und schon gar keine Zeit. Bitte, wir wollen das Schicksal nicht herausfordern. Komm jetzt!"
"Ja, sofort. Du kannst schon zum Wagen gehen. Ich habe nur noch eine Kleinigkeit vergessen."
Das gibt es doch nicht, dachte Peter und balancierte den Stapel Mäntel und Jacken zum Auto. Schon auf der Türschwelle bekam er noch einen weissen Fuchspelz über die Schultern gehängt. Er konnte den Weg zum Auto nur erahnen, stolperte und schwankte mehr, als dass er ging. Kathrin sah das Unheil kommen, krabbelte aus dem Auto, öffnete die Tür zum Fond und schob den schwerbeladenen Peter mitsamt aller Pelze und Angorastricksachen auf die Rückbank. Dann nahm sie Petra in Empfang, die die riesige Pelzdecke von ihrem Bett, drei dicke Angoradecken und etliche Kissen anschleppte. Der Kofferraum vermochte nur noch einen Teil der Sachen aufzunehmen, der Rest wurde zu Peter auf die Rückbank gepackt. Da sass er nun, nahezu bewegungsunfähig und bis über den Kopf mit pelzigen und flauschigen Textilien zugedeckt.
"Wohin müssen wir fahren?" wollte Kathrin wissen und liess den Wagen anrollen. Peter befreite sein Gesicht vom Ärmel einer hellgrauen Angorajacke, spuckte ein paar Fusseln aus und begann damit, den Weg zu sich nach Hause zu beschreiben.

Eine gute, halbe Stunde später sassen alle drei bei einer Tasse Kaffee im Wohnzimmer von Peters Junggesellenbude und versuchten sich zu entspannen. Petra schälte sich aus Mütze, Schal und Handschuhen, zog es aber vor, ihre dicke Angorajacke anzubehalten. Anschliessend wühlte sie durch ihre blonde Mähne und liess die Locken auf ihre flauschig eingehüllten Schultern fallen. Dann kuschelte sie sich in ihre herrliche Angorajacke, lehnte sich nach hinten und stiess einen zufriedenen Seufzer aus. Endlich in Sicherheit. Vorerst, denn noch war die Geschichte nicht durchgestanden.

"Habt ihr auch Hunger? Also ich könnte jetzt einen ganzen Elefanten verspeisen."
Petra und Kathrin nickten vehement mit den Köpfen.
"Gut, dann werde ich uns eine Pizza holen, die grösste, die es gibt. Einverstanden?"
Wieder nickten die beiden und leckten sich die Lippen.
"Bin schon unterwegs. Petra, du solltest inzwischen deinen Vater anrufen und ihm sagen, dass du in Ordnung bist. Am besten wäre es, wenn du deine Eltern zu einer Reise, möglichst weit weg, überreden könntest. Hier sind die beiden nicht sicher."
Peter machte sich auf den Weg zum Italiener, jedoch nicht ohne einen kleinen Abstecher zu seinem Kleiderschrank. Dort tauschte er den kuscheligen Angorapulli gegen eines seiner Sweatshirts. Nach fast einem ganzen Tag in einem flauschig weichen Pullover aus reiner Angorawolle schien das Shirt aus Stahlwolle zu sein. Wehmütig schaute er auf den blauen Kuschelpullover, doch das Risiko beim Italiener auf Freunde oder Bekannte zu treffen, war ihm zu gross. Man tuschelte ohnehin schon über ihn und fragte sich, warum er noch immer keine Freundin hatte. Achselzuckend machte er sich auf den Weg zum Pizzaholen.

Wie erwartet traf er schon auf dem Parkplatz vor dem italienischen Restaurant auf ein gut befreundetes Ehepaar. Nur um ganz sicher zu gehen, vergewisserte er sich, ob er nicht doch noch den verfänglichen Angorapulli trug.
"Hallo Peter, neues Auto?" fragte sein Freund Rainer.
"Nein, der Geschäftswagen meiner Freundin“, prahlte er stolz.
"Ach deshalb sieht man dich in letzter Zeit nur noch selten."
"Ja“, antwortete er und verheimlichte, dass er Petra erst vor gut 24 Stunden kennengelernt hatte.
"Vielleicht habt ihr Lust irgendwann mal mit uns Essen oder ins Kino zu gehen“, schlug Lora vor. Sie hasste diesen Namen, eigentlich hiess sie ja Carola, aber in Bezug auf Kleidung hatte sie einen ungewöhnlichen Geschmack. Jeder, der ihr begegnete wurde unweigerlich an einen Papagei erinnert.
"Prima Idee! Wir telefonieren, ok? Sorry, ich hab's ein bisschen eilig."
"Klar, die Geliebte wartet“, scherzte Rainer. "Glückwunsch, mein Alter."
"Danke“, sagte Peter und bestellte zweimal Pizza in Familiengrösse.

Die Pizzas waren in Rekordzeit bis auf den letzten Krümel verschlungen. Kathrin scheute sich nicht einmal davor, ein paar Käsereste vom Deckel der Pappschachtel zu kratzen. Abgesehen von Kaffee war das für alle die erste Mahlzeit des Tages.
"Und wie geht es nun weiter?" fragte Petra. "Meine Eltern treten in diesem Augenblick wahrscheinlich schon ihre Weltreise an, aber was wird aus uns, und was ist mit den Leuten aus der Firma?"
"Gute Frage“, meinte Kathrin. "Schon bei dem Gedanken daran, dass ich irgendwann in meine Wohnung zurück muss, bekomme ich echt Angst. Die Verbrecher kennen meine Adresse mit Sicherheit auch."
"Das ist ziemlich wahrscheinlich. Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du hier auf dem Sofa übernachte, solange du willst“, schlug Peter vor.
Kathrin lächelte dankbar.
"Aber ich brauche auch ein paar Klamotten aus meiner Wohnung."
"Oh nein!"
"Keine Angst, Nur ein Nachthemd und einige Kleider zum Wechseln, nicht meinen gesamten Hausrat“, versprach sie mit einem dezenten Augenzwinkern zu Petra.
"Schon gut“, erwiderte diese und steckte den beiden Freunden die Zunge raus.
"Fahren wir“, setzte sie hinzu.
"Nein, du bleibst hier und lässt dir etwas einfallen, wie wir die Firma und vor allem unsere Leute schützen können."
"Bitte lasst mich nicht alleine. Ich habe Angst“, sagte Petra und sprang von ihrem Sessel auf.
Peter nahm sie fest in seine Arme, streichelte und küsste sie zärtlich, doch dann drückte er sie mit sanfter Entschlossenheit zurück auf ihren Platz.
"Wir sind so schnell es geht wieder zurück. Du musst wirklich keine Angst haben. Niemand weiss, dass du hier bist. Komm Kathrin."
Mit glasigen Augen schaute Petra ihren Freunden nach. Sie kam sich vor wie ein kleiner Hund, der in der einsamen Wildnis ausgesetzt wurde. Dann jedoch besann sie sich auf ihre Aufgabe, die man ihr aufgetragen hatte. Aber wie nur sollte sie verhindern, dass die Firma oder gar deren Belegschaft zur Zielscheibe von SIR würden?

Kathrin hatte sich an ihr Versprechen gehalten und nur das Notwendigste eingepackt. Es passte spielend in zwei grosse Koffer und einen altersschwachen Wäschekorb. Nur der silberfarbene Fuchsmantel hatte nirgendwo mehr Platz gefunden. Also hatte sie ihn kurzerhand über ihre Parka gezogen. Während Peter im Auto wartete, beobachtete er scharf die Umgebung. Er musste davon ausgehen, dass die Entführer inzwischen Petras Flucht bemerkt haben mussten. Bei jedem Wagen, der in die Wohnstrasse fuhr, begann sein Herz heftig zu pumpen und seine Hände wurden feucht. Er rutschte tief in den Sitz und tauchte erst wieder auf, wenn das fremde Fahrzeug schon längst verschwunden war. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit bis Kathrin wieder vor dem Mehrfamilienhaus, in dem sie erst seit kurzem wohnte, wieder auftauchte. Es war wie eine Erlösung, als sie neben ihm sass und er Gas geben konnte.

Petra wartete lange und geduldig auf die geniale Idee, wie sie ihre Firma und die Angestellten vor Anschlägen oder ähnlichen Aktionen der Verbrecher schützen könnte. Sie war jedoch noch immer so aufgewühlt und nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Vielleicht würde es helfen, für einen Moment die Augen zu schliessen und zu entspannen. Dachte es und war Sekunden später eingeschlafen.

Als Peter den Opel vor seiner Wohnung abstellte, begann es zu schneien. Es fielen nicht nur ein paar Flocken, es war ein regelrechtes Schneetreiben. Unter anderen Umständen hätte er sich über die Aussichten auf weisse Weihnachten sicher gefreut, im Moment aber verschwendete er keinen Gedanken daran. Er wollte nur weg von der Strasse und schleppte eilig Kathrins Gepäck vom Auto zum Haus.
"Hallo Petra, wir sind zurück!" rief er, trat ins Wohnzimmer und erstarrte vor Schreck. Petra sass auf dem Sofa, den Kopf nach hinten gekippt, den Mund halb offen und die Augen geschlossen.
"Oh Gott, Petra“, schrie er und stürzte auf sie zu. Er packte sie am Kragen ihrer flauschigen Jacke und schüttelte sie kräftig.
"Wassollndas?" fragte sie wie in Trance.
"Hast du mir einen Schreck eingejagt. Ich dachte schon, die Entführer hätten dich gefunden und ... na ja, du weisst schon.
Er schlang seine Arme um Petra und knuddelte und küsste sie erleichtert. Der unbeschreiblich weiche Angoraflausch wirkte wie ein Beruhigungsmittel.
"Entschuldigt, wenn ich Euch störe“, sagte Kathrin schüchtern. "Konntest du etwas erreichen, Petra?"
"Was meinst du?"
"Die Firma, meine ich. Konntest du jemanden erreichen und warnen?"
"Nein, tut mir leid. Nachdem ihr weg wart, bin ich eingeschlafen."
"Petra, was ist los mit dir. So kenne ich dich gar nicht. Kannst du dich nicht zusammenreissen? Du hast schliesslich die Verantwortung für deine Leute."
"Dir ist wohl entgangen, was ich heute mitgemacht habe. Ich bin entführt worden, erinnerst du dich? Ich bin ziemlich fertig“, entgegnete Petra mürrisch.
"Stell dir vor, wir auch. Aber die Sache ist noch nicht ausgestanden“, antworte Kathrin und machte ein saures Gesicht.
"Sagt mal, Mädels, spinnt ihr? Jetzt ist nicht die Zeit zu streiten“, sagte Peter mit einem sanften Lächeln. "Wir sitzen alle im selben Boot und müssen zusammenhalten. Wieviel Menschen arbeiten bei LISTRONIC?"
"143 sind es, glaube ich. Entschuldige, Petra."
"Schon gut. Mir tut es auch leid."
Nun liess auch Kathrin sich auf dem Sofa nieder, legte ihre Arme um ihre beiden Freunde und begann aus Ratlosigkeit und Verzweiflung zu weinen. Es dauerte nicht lange, da liefen auch Petra die Tränen über die Wangen und wurden vom dichten Flausch ihrer Angorajacke aufgesogen. Selbst Peter musste gegen einen dicken Klos im Hals ankämpfen.

Nachdem sich alle drei ein wenig gefasst hatten, schlug Kathrin vor, alle Abteilungsleiter der Firma anzurufen.
"Wir könnten ihnen erzählen, dass die Heizung ausgefallen sei und die Betriebsferien deshalb schon früher beginnen. Dann werden wir sie bitten, ihre Kollegen und Mitarbeiter informieren. Somit wäre zumindest die Belegschaft für gute zwei Wochen ausser Gefahr. Gleich morgen werden wir unseren Sicherheitsdienst mit der stärkeren Überwachung der Firma beauftragen."
Peter hatte sich bereits den Telefonhörer gegriffen und übergab ihn Petra. Kathrin zückte ihr Adressbuch und diktierte die Telefonnummer des ersten Mitarbeiters auf der Liste. Trotz ihrer Anspannung klang Petra recht glaubwürdig, als sie Herrn Arleg, dem Laborleiter, die Geschichte von der ausgefallen Heizung erzählte. Vollends überzeugt war er, angesichts der vorverlegten Betriebsferien. Er versprach nicht nur, alle Kollegen aus seiner Abteilung zu benachrichtigen, sondern erklärte sich sogar bereit, am nächsten Morgen vor dem Firmeneingang auf alle nichtinformierten zu warten, um sie nach Hause zu schicken.
Innerhalb einer knappen Stunde waren alle Telefonanrufe erledigt. Erschöpft aber erleichtert liessen sich die drei in die Sofakissen sinken und atmeten zuerst einmal richtig durch.
"Und was wird nun aus uns?" fragte Petra. "Wir können uns doch nicht ewig in dieser Wohnung verstecken."
"Ich glaube, nun ist es an der Zeit, die Polizei zu informieren“, antwortete Kathrin entschlossen und griff ein letztes Mal zum Telefon.

Nur wenige Minuten nach Peters Anruf wurden die Ermittlungen gegen die Unternehmen IS Immobilien und Reiter & Immeran Spielwaren sowie deren Geschäftsführer und leitende Angestellte aufgenommen. Büros und Privatwohnungen wurden durchsucht, belastendes Material und Waffen gleich bergeweise beschlagnahmt. Einige der Festgenommenen standen schon lange auf den Fahndungslisten, nicht nur in Deutschland. Auf sie wartete eines von vielen Weihnachtsfesten hinter Gittern.

Auch Peter, Kathrin und vor allem Petra wurden eingehend zu den Geschehnissen des Tages befragt. Doch so sehr sie sich auch bemühten, viel kam dabei nicht heraus. Peter war gleich zu Beginn der Entführung ausser Gefecht gesetzt worden, sein schmerzender Nacken würde ihn noch lange daran erinnern. Petra hatte nur ein paar maskierte Gestalten zu Gesicht bekommen, bevor man ihr die hellblaue Angorastola über das Gesicht gebunden wurde. Darüber hinaus verbrachte sie den Grossteil ihrer Gefangenschaft in der absoluten Dunkelheit eines verlassenen Treppenhauses. Die Enttäuschung über die dürftigen Aussagen war den Ermittlungsbeamten ins Gesicht geschrieben.

Gegen Mitternacht kam die Nachricht, dass die Polizeiaktion mit grossem Erfolg abgeschlossen werden konnte. Viele der Festgenommenen hielten offenbar wenig von Loyalität gegenüber ihrer Organisation und begannen zu plaudern, kaum dass sich die Handschellen um ihre Handgelenke geschlossen hatten. So erübrigte sich vorerst weiteres Bohren nach wichtigen Details, die bei der bisherigen Beschreibung des Tathergangs möglicherweise vergessen wurden. Man riet den drei Freunden stattdessen ein paar Tage Urlaub zu machen, um sich von den Strapazen des Tages zu erholen.

"Gar keine schlechte Idee“, sagte Petra, als die Kriminalbeamten wieder gegangen waren.
"Was meinst du?" fragte Kathrin.
"Urlaub!" antwortete Petra. "Was haltet ihr davon ein paar Tage in die Berge zu fahren, um auf andere Gedanken zu kommen. Oder habt ihr schon etwas anderes vor."
"Naja, arbeiten eben“, antwortete Peter. Kathrin schüttelte den Kopf. "Aber wo willst du jetzt noch ein Quartier bekommen. Die Urlaubsorte sind vermutlich bis aufs letzte Zimmer ausgebucht."
"Das kann uns doch egal sein. Meine Eltern haben vor Jahren ein einsam gelegenes Bauernhaus in den bayerischen Alpen gekauft und zum Ferienhaus umgebaut. Es liegt zwar völlig abseits der Touristenzentren, aber das kann uns ja gerade recht sein. Also ich sehne mich geradezu nach Ruhe und Entspannung. Was ist mit euch? Kommt ihr mit?"
"Das klingt wirklich verlockend, aber ich muss morgen wieder zur Arbeit“, entgegnete Peter ein wenig traurig.
"Es sind nur noch drei Tage bis Weihnachten“, meinte Kathrin und legte ihren Arm um Peter. "In dieser Zeit wird ohnehin nicht mehr viel gearbeitete. Du rufst gleich morgen in deiner Firma an und bittest um Urlaub. Dein Chef wird sicher Verständnis haben, wenn du ihm erzählst, was heute passiert ist. Und wenn nicht, dann fängst du im neuen Jahr bei LISTRONIC an."
"Hört sich gut an“, stammelte Peter. "Aber ich habe von Elektronik keinen blassen Schimmer. Ich bin ja schon froh, dass ich meine Kaffeemaschine einschalten kann, ohne vorher einen Elektrofachmann zu bestellen."
"Was bist du denn von Beruf?" fragte Kathrin neugierig.
"Ich bin im Marketing einer Möbelfabrik beschäftigt."
"Oh, ... äh, LISTRONIC braucht schon lange eine Marketingabteilung, nicht wahr Petra?"
"Aber ja, dringend sogar."
"Ihr seid süss, wisst ihr das?" sagte Peter ein wenig beschämt. "In Ordnung, überredet, ich komme mit."
"Super“, jubelte Petra und fiel ihm stürmisch um den Hals. Peter tauchte ein in ein Meer aus kuschelweichem Angora, streichelte durch herrlich dichten Flausch und wusste, dass er sich richtig entschieden hatte

Kapitel-4
Peter wurde von der aufgehenden Sonne geweckt. Seltsam, dachte er, hatte er vergessen die dichten Vorhänge in seinem Schlafzimmer zu schliessen? Geblendet und verschlafen rieb er sich die Augen, um dann festzustellen, dass er auf der Wohnzimmercouch geschlafen hatte. War das alles etwa doch kein schlechter Traum? Ungelenkig richtete er sich auf und blinzelte in die Sonne. Ja, richtig, er war auf der Hochzeit seines Arbeitskollegen. Vermutlich hatte er zuviel getrunken und es nach seiner Heimkehr nur noch bis zum Sofa geschafft. Entweder hatte er den Sonntag komplett verschlafen und einen irrsinnigen Alptraum von einer Entführung und anderem Mist gehabt oder es war erst Sonntagmorgen. Das heftige Brummen seines Schädels bekräftigte die Theorie von zu viel Alkohol und merkwürdigen Träumen. Er fröstelte ein wenig und wickelte sich in die riesige, weisse Angoradecke, unter der er geschlafen hatte. Noch immer nicht ganz bei Sinnen stand er auf und tapste ans Fenster. Draussen lagen mindestens 15 Zentimeter Schnee, die Sonne strahlte und spiegelte sich im glitzernden Weiss. Fast wie im Märchen, dachte er und beobachtete zwei dick eingepackte Frauen, wie sie massenhaft Gepäck in ein schwarzes Mercedes T-Modell luden. Es schien bitterkalt zu sein, denn der Atem der Frauen bildete an der Luft winzige Eiskristalle. War es nun Sonntag oder Montag? Hoffentlich Sonntag, dachte er, dann kann ich muss ich nicht ins Büro sondern lege mich einfach wieder hin und kuschle ein bisschen mit der weichen Decke. "Seltsam, ich kann mich nicht erinnern, jemals eine so weiche Decke besessen zu haben“, sagte Peter zu sich selbst und streichelte vorsichtig durch den kuscheligen Angoraflausch. Und warum trug er nur eine Jeans? Ganz langsam dämmerte ihm, dass er keineswegs Alpträume gehabt sondern alles real erlebt hatte. Die zwei Frauen vor dem Haus waren Petra und Kathrin, richtig? Richtig! In diesem Moment winkte Petra zu ihm herauf. Peter antwortete mit einem verwirrten Grinsen. "Endlich bist du aufgewacht“, hörte er Kathrin hinter sich sagen. "Es ist schon nach elf, du Schlafmütze." "Verdammt, ich muss zur Arbeit“, fluchte Peter und warf die Angoradecke aufs Sofa. "Warum habt ihr mich nicht geweckt?" "Du warst nicht wach zu kriegen. Hast geschlafen wie ein Toter. Aber keine Angst, Petra hat bereits in deiner Firma angerufen und unser Horrorerlebnis geschildert. Dein Chef bot daraufhin von sich aus an, dir die restlichen Tage bis Weihnachten freizugeben. Du solltest dich trotzdem gelegentlich bei ihm melden. Was sagst du?" "Ich bin sprachlos. Danke." "Bedanke dich bei Petra. Und nun komm in die Gänge. Die Berge erwarten uns." "Gebt mir eine halbe Stunde, dann ..." "Fünf Minuten“, sagte Petra, die inzwischen in der Wohnung erschienen war. Sie schmiegte sich an Peters nackten Oberkörper und küsste ihn zärtlich. Ganz automatisch begann Peter wieder durch den himmlisch weichen, aber eiskalten Angoraflausch ihrer unglaublich dicken Angorajacke zu streicheln, doch Petra stiess ihn sanft zurück. "Dafür ist später noch genügend Zeit. Wir wollen los. Also ab unter die Dusche“, sagte sie und schob ihn in Richtung Badezimmer. "Aber ich muss noch packen“, erwiderte Peter. "Alles längst erledigt. Während du noch gepennt hast, waren wir schon unterwegs, haben Kathrins Wagen geholt, da passt am meisten rein. Dann sind wir zuerst zu mir und dann zu ihr gefahren, um ein paar Klamotten zu holen. Anschliessend packten wir deinen Kram und beluden das Auto." "Fleissig, fleissig." "Nicht war? Dafür darfst du uns in den Urlaub chauffieren." "Einverstanden“, antwortete Peter, schnappte Petra an den dicken Kordeln ihrer gigantischen Angoramütze und gab ihr einen dicken Kuss. "Ich war auch fleissig“, maulte Kathrin mit einem Lächeln und bekam ebenfalls ein schmatzendes Küsschen auf ihre eisigen Lippen. Dann verschwand Peter im Badezimmer.
Die heisse Dusche wusch den letzten Rest Schlaf aus Peters Kopf. Auch gegen seinen Brummschädel wirkte sie wie Balsam. Als er sich wieder stark genug fühlte, um zumindest ein kleines Bäumchen auszureissen, stellte er den wohltuenden Wasserfall ab, rubbelte sich kräftig trocken, putzte sich die Zähne und rasierte sich so gründlich wie noch nie zuvor. Nur mit einem Handtuch bekleidet trat er ins Wohnzimmer. "Schau dir den an“, schmunzelte Kathrin. "Ich sehe nichts, er blendet so“, witzelte Petra. "Alberne Gänse." "Gockel“, konterte Petra. "Ich habe dir was zum Anziehen auf dein Bett gelegt. Beeile dich bitte." Vergnügt ging Peter in sein Schlafzimmer, doch dort gefror sein Lächeln. Auf dem ordentlich gemachten Bett lagen wohl einige Kleidungsstücke, aber mit Ausnahme einer verwaschenen Jeans, waren es nicht seine eigenen. Zögernd trat er etwas näher heran. Den blauen Angorapullover erkannte er wieder. Daneben lag nun aber noch ein zweiter, grau-weisser Rollkragenpulli mit Norwegermuster. Auch er war, wie konnte es auch anders sein, aus reiner Angorawolle und unbeschreiblich flauschig. Auf der Jeans lag ein weiteres, graues und sehr flaumiges aber undefinierbares Teil. Peter griff danach und hielt es in die Höhe, wobei es sich entfaltete. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht mit einer Angorastrumpfhose. Mit spitzen Fingern trug er die Strumpfhose ins Wohnzimmer und baute sich vor den beiden Frauen auf. "Also das geht zu weit“, meinte er und wedelte mit der flauschigen Strumpfhose. "Ihr erwartet doch nicht, dass ich dieses Ding anziehe?" "Natürlich“, antwortete Kathrin. "Draussen ist es wahnsinnig kalt. Ich habe auch eine Strumpfhose an, und Petra vermutlich sogar zwei." "Drei“, korrigierte diese. "Und noch eine Angorahose drüber. Was stört dich an einer warmen Strumpfhose?" "Ich werde doch keine Strumpfhose anziehen. Alles was recht ist, aber ..." "sagte ich es nicht“, meinte Petra zu Kathrin. Dann wandte sie sich wieder zu Peter. "Selbst mein kleiner Neffe ist vernünftiger als du und zieht im Winter eine Strumpfhose an, ohne dass man ihn dazu zwingen müsste." "Ich bin aber nicht dein kleiner Neffe, sondern ein erwachsener Mann." "Umso schlimmer. Nun stell dich nicht so an. Einmal davon abgesehen, dass keiner die Strumpfhose unter deiner Jeans bemerken wird, finde ich lange Unterhosen, womöglich noch aus Feinripp, absolut unerotisch. Wenn du es mit mir nicht verderben willst, dann zieh dir die Strumpfhose an und mach dich reisefertig." Wie ein begossener Pudel schlich Peter zurück ins Schlafzimmer. Hin und her gerissen hielt er die zugegeben traumhaft weiche Angorastrumpfhose gegen das Sonnenlicht und starrte fasziniert auf den dichten Flausch, der das Kleidungsstück wie ein Strahlenkranz umgab. Die Unregelmässigkeit der Maschen deutete darauf hin, dass Petra die Strumpfhose selbst gestrickt hatte. Schliesslich rang er sich dazu durch, wenigstens einmal kurz hinein zu schlüpfen. Er holte tief Luft, hielt den Atem an, biss die Zähne zusammen, als würde er sich auf einen Haufen glühender Kohlen stellen, und steckte vorsichtig seinen linken Fuss in die Strumpfhose. Das Gefühl war überwältigend. Weich, flauschig, kuschelig, alle diese Attribute konnten das herrliche Gefühl nur mangelhaft beschreiben. Langsam und mit weit mehr Genuss streifte er die Strumpfhose nun auch über den anderen Fuss und zog das flaumige Kleidungsstück dann nach oben. Sein kleiner Freund schien so begeistert zu sein, dass er sich in seiner vollen Pracht darstellte. Peter verpackte ihn sorgfältig in den flauschigen Maschen und zog die Strumpfhose schliesslich bis zum Bauchnabel hoch. Zum Glück war in diesem Moment kein Spiegel in der Nähe, denn vermutlich hätte Peter sein eigenes Abbild ausgelacht und die Strumpfhose sogleich wieder ausgezogen. Der Rausch der Sinne setzte sich fort, als er nach dem blauen Angorapullover griff und genüsslich hinein schlüpfte. Nun war er vom Kinn an abwärts in streichelweiches Angora eingekuschelte und fragte sich, wer eigentlich die Regel aufgestellt hatte, die Männern das Tragen von Angorawolle nicht gestattete. Fast ein wenig ärgerlich schlüpfte er in den nicht minder kuscheligen Norwegerpulli und ordnete den gigantischen Rollkragen. Als er endlich nach seiner Jeans griff, kam es ihm so vor, als würde er in einen Stapel Sandpapier fassen. Trotzdem zog er sie an. Es würde vermutlich doch zu lächerlich aussehen, wenn er nur in Strumpfhosen bekleidet unter Leute ginge. Zum Abschluss zog er seine derben Boots an, so vorsichtig wie möglich, um den zarten Flausch nicht zu beschädigen.
Nach einem erneuten Zögern präsentierte er sich den beiden Frauen, die bereits ungeduldig auf ihn warteten. "Na, zufrieden?" Petra antwortete nicht, ging stattdessen vor ihm in die Knie, schob sein Hosenbein nach oben und nickte. "Ich wollte mich nur vergewissern, dass du die Strumpfhose auch wirklich angezogen hast. Und, ist es nun wirklich so schlimm, oder kannst du damit leben?" "Fahren wir“, sagte Peter, um nicht antworten zu müssen. Noch immer war es ihm peinlich, dass er sich in Angorastricksachen äusserst wohl zu fühlen schien.
Ungläubig starrte Peter auf den schwarzen Mercedes. Der Kombi war bis unter das Dach mit Pelzen und Angorastricksachen beladen, nicht nur der Kofferraum, sondern auch die komplette Rückbank. Selbst auf dem Vordersitz lag ein riesiger, weisser Pelzmantel. "Wollt ihr, dass ich euch aufs Dach schnalle?" witzelte Peter. "Och, das geht schon“, erwiderte Kathrin und quetschte sich auf den Rücksitz. Sie hatte grösste Mühe, wenigstens freie Sicht nach vorne zu bekommen und musste selbst lachen. "Angoraflausch, die neue Alternative zum Airbag“, scherzte sie und fischte ein paar Fusseln aus dem Mundwinkel. Schmunzelnd nahm Petra auf dem Beifahrersitz Platz und legte den Pelzmantel auf den Schoss. "Worauf wartest du“, fragte sie Peter. "Ähm ..." Peter fehlten die Worte. Er setzte sich hinter das Steuer, schaute sich seine beiden kichernden Begleiterinnen noch einmal genau an, schüttelte den Kopf und brauste ab.
Ausser den drei Freunden war offenbar die halbe Republik auf dem Weg in den Winterurlaub. Zeitweise kamen sie sich vor wie auf einem riesigen Parkplatz. Es fehlte eigentlich nur noch der Parkwächter, der durch die Fahrzeugreihen ging und Gebühren kassierte. Das schleppende Vorankommen war lästig, aber was Peter weit mehr auf die Nerven ging, waren die Leute in den Autos um sie herum. Die Palette der Reaktionen reichte von bewunderndem Staunen über verächtliches Grinsen bis hin zu herzhaftem Lachen. Beim Anblick des "pelzgefütterten" Mercedes wurde die Beifahrerin eines aufgemotzten Polos dazu angeregt, mit ihrem lächerlich kleinen Mohairschal zu schmusen. Etwas später schlug eine ältere Frau in einem Jaguar unbewusst den Kragen ihres Zobelmantels hoch. Und ein kleines Mädchen auf dem Rücksitz eines Passats kuschelte sich in ihren Teddy. Äusserlich schien Peter ganz gelassen zu sein. Innerlich aber kämpften Scham und Wohlbehagen einen endlosen Kampf. Doch je länger dieser Kampf dauerte, desto mehr gewannen Wohlgefühl und Stolz über sein kuscheliges Outfit die Oberhand. Als der Mercedes im Schritttempo die Landesgrenze zum Freistaat Bayern überquerte, sass Peter endlich aufrecht und selbstbewusst hinter dem Steuer und liess sich sogar dazu hinreissen, allzu hämische Grimassen mit einem demonstrativen Streicheln über den weichen Flausch seines Pulloverärmels zu beantworten.
Sechs Stunden später und knapp 250 Kilometer von Zuhause entfernt, es war bereits Nacht geworden, rollte der schwarze Mercedes eine tief verschneite Strasse bergauf. Dank Ketten, die Peter im Tal vorsichtshalber aufgezogen hatten, kamen sie mühelos voran, bei weitem besser und schneller, als auf der verstopften Autobahn. Die Strasse war nur durch lange Stangen, die den Fahrbahnrand markierten, zu erkennen. Reifenspuren anderer Fahrzeuge gab es keine. "Das ist wohl die Strasse nach Nirgendwo“, meinte Peter, als er den Wagen in ein Waldstück lenkte. "Das sagte mein Vater auch, als wir zum ersten Mal hier herauf fuhren“, antwortete Petra. "Damals lag allerdings kein Schnee, sondern es tobte ein mächtiges Gewitter. Das war gruselig, kann ich dir sagen." "Ist es noch weit?" "Nein. Nach der nächsten Biegung kommt eine weitläufige Lichtung, auf der das Haus steht." Wie Petra beschrieben hatte, tat sich nach einer scharfen Kurve eine freie, tief verschneite Fläche auf. Ein Haus war jedoch weit und breit nicht zu entdecken. "Hier geht's rein“, sagte Petra plötzlich und deutete auf den Strassenrand. "Wo?" fragte Peter und stoppte den Wagen. Er konnte beim besten Willen keine Abzweigung entdecken. Nur eine kleine Tanne ragte aus der glatten, weissen Fläche. "Hier, rechts von der Tanne." "Bist du sicher?" Der Gedanke, den teuren Mercedes einfach in das weisse Nichts zu lenken, verursachte ihm Unbehagen. "Vertrau mir. Nur zu, halte dich einfach immer rechts von den kleinen Tannen. Sie markieren den Weg." "Wenn du es sagst." Peter gab vorsichtig Gas und steuerte den Wagen in die unberührte Schneefläche. Wider Erwarten kippte der Mercedes nicht zur Seite sondern kämpfte sich durch den tiefen Schnee. Bald tauchte im Scheinwerferlicht ein rustikales Hexenhäuschen, ganz aus dunklem Holz mit grünen Fensterläden, auf. "Der Wahnsinn!", rief Peter und brachte das Auto vor der zugeschneiten Haustüre zum Stehen. "Nicht wahr? Ich bin total verliebt in dieses Haus. Am liebsten würde ich immer hier leben. Ganz besonders nach dem schrecklichen Tag gestern. Kathrin, wir sind da." Keine Antwort. Fast gleichzeitig drehten sich die beiden nach ihrer Freundin um. Sie war verschwunden. Hatten sie Kathrin etwa bei ihrer kurzen Pinkelpause auf dem Autobahnparkplatz vergessen. "Kathrin!" rief Petra und begann in den Massen aus Pelz und Angora zu wühlen. Endlich bekam sie eine Hand zu fassen. "Iswas?" brummelte es unter einer Pelzjacke hervor. Kurz darauf tauchte eine verschlafen dreinschauende Kathrin auf. Sie war irgendwann eingenickt und in den kuschelweichen Fluten versunken. "Aussteigen, Schlafmütze. Wir sind da."
Petra schloss die Haustüre auf und liess ihre beiden Freunde eintreten. Sie gingen durch einen geräumigen, holzvertäfelten Windfang in die "Stube", wie Petra den Raum nannte. Es war dunkel und es roch ein wenig staubig. Petra machte ein Streichholz an und entzündete ein paar Kerzen, die neben der Türe bereit standen. Das flackernden Flammen tauchten die "Stube" in ein warmes, romantisches Licht. "Stube", das war die Untertreibung des Jahrhunderts. "Saal" wäre treffender gewesen. Der Raum hatte eine Grundfläche von gut und gerne 15 x 15 Metern. Petra entzündete weitere Kerzen eines Leuchters, der auf einem urigen Tisch stand. Die schemenhafte Einrichtung bekam nun klare Konturen. Der Raum war eine gekonnte Mischung aus kanadischem Blockhaus und englischem Rauchsalon. Um einen offenen Kamin aus mächtigen Granitbrocken gruppierten sich vier schwere Sessel, über die jeweils eine einladend kuschelig aussehende Fuchspelzdecken geworfen war. Davor, auf dem rustikalen Holzboden lagen zahlreiche Lammfelle. Zwei weitere Sessel standen vor einem massiven Bücherregal, das mit zahlreichen, ledergebundenen und vermutlich sehr wertvollen Büchern bestückt war. Die Wände rechts und links des Kamins waren ebenfalls aus Stein und mit antiken Waffen geschmückt. Auf der gegenüberliegenden Seite neben der Türe stand eine rustikale Essgruppe mit massivem Eichentisch, Eckbank und fünf Stühlen. Auch hier war der Fussboden mit Lammfellen ausgelegt. Petra führte ihre Freunde durch eine Schwingtüre, ähnlich der eines Westernsalons, in eine kleine Küche mit einem altertümlichen Holzofen. Elektrische Geräte suchte man hier vergebens. Petra zündete erneut eine der Kerzen an, die überall herumstanden. "Ihr habe sicher schon bemerkt, dass es hier keinen Strom gibt“, erklärte Petra. "Wir haben zwar einen Dieselgenerator und eine Menge Batterien, aber ich finde Kerzenlicht, Kochen auf dem Holzofen und ein Feuer im Kamin statt Heizung sowieso romantischer. Den Generator hatten wir schon lange nicht mehr in Betrieb, wahrscheinlich ist er längst eingerostet." "Soll das heissen, hier gibt es keine Heizung?" fragte Kathrin und kuschelte sich demonstrativ in ihren Pelzmantel. "Was glaubst du, warum wir so viele warme Sachen eingepackt haben. Besonders morgens nach dem Aufstehen ist es eiskalt im Haus. Aber man gewöhnt sich daran. Ach ja, fliessendes Wasser gibt es übrigens auch nicht. Im Keller befindet sich eine Zisterne, die mit Quellwasser gespeist wird. Allerdings friert diese im Winter regelmässig ein. Wir werden Schnee schmelzen müssen." "Aber, äh, ... wie macht ihr das mit dem ... äh ... Klo, ich meine stillen Örtchen?" stotterte Peter. "Bis vor wenigen Jahren hatten wir das "Örtchen" noch ausserhalb des Hauses, aber das war uns dann doch lästig, vor allem im Winter. Daraufhin bauten wir eine Abwasserleitung und eine Sickergrube an der Strasse. Seither wird jeder Tropfen Spül- und Badewasser in Eimern gesammelt und für die Toilettenspülung verwendet. Wer auf dem Klo war, muss danach den Spülkasten wieder mit Wasser füllen. Ich hoffe, es leidet keiner von euch unter einer schwachen Blase, denn sonst artet das in Arbeit aus“, scherzte Petra. "Jetzt zeige ich Euch die Schlafzimmer." Sie ging voraus eine steile, knarrende Treppe hinauf in das Dachgeschoss des Hauses. Sie erklärte, dass dies einmal der Heuboden gewesen war, der nun ausgebaut und in vier schmucke Zimmer umgewandelt war. Darüber hinaus gab es ein Badezimmer und ein separiertes WC. "Neben LISTRONIC betreibt ihr wohl auch noch eine Schafzucht und Pelzhandel“, meinte Peter in Anbetracht der vielen Pelzdecken und Felle, mit denen auch diese Zimmer grosszügig ausgestattet waren. "Nein, das nicht, aber die Leidenschaft für alles weiche und flauschige liegt wohl in meiner Familie. Gefällt es dir nicht?" "Oh doch, ich werde mich hier sogar ausgesprochen wohl fühlen, das weiss ich jetzt schon“, sagte Peter und sah, wie Kathrin heftig nickte. "Na wunderbar. Ich freue mich auf ein paar schöne Urlaubstage. Lasst uns jetzt das Gepäck reinbringen." Mit vereinten Kräften entluden sie den Mercedes und schafften das Gepäck hinauf in die Schlafzimmer. Peter war sichtlich enttäuscht, als Petra ihm ein Zimmer neben dem ihren zuwies, war er doch davon ausgegangen, dass sie sich ein Bett teilen würden. Traurig stellte er seine beiden Koffer, die ihm im Vergleich zum Gepäck der beiden Frauen wie Handgepäck vorkamen, neben dem Doppelbett, in dem er sich ziemlich einsam vorkommen würde, ab. "Wie wäre es, wenn du schon mal Feuer im Kamin machst?" meinte Petra, die sich von hinten an Peter herangeschlichen und seine Hüfte umschlungen hatte. "Kathrin und ich wollen uns etwas frisch machen." "In Ordnung." Peter hatte keinerlei Erfahrungen im Feuermachen. Als kleiner Junge hatte er einmal ein Lagerfeuer entzündet, was ein paar Tage später sogar im lokalen Wochenblättchen seines Heimatdorfes erwähnt wurde. Allerdings wurde darin hauptsächlich von den Löscharbeiten auf der Wiese und den Schäden an mehreren Obstbäumen berichtet. Sein Hosenboden tat ihm heute noch weh, wenn er an die schlagkräftige Unterhaltung mit seinem Vater dachte. Entsprechend vorsichtig setzte er Zeitungspapier und ein paar kleine Holzspäne in Brand. Es war ein kümmerliches Feuerchen, aber immer noch besser, als die ganze Hütte abzufackeln. Nach kaum fünf Minuten war von dem Feuer nur noch ein Rest Glut übrig. Also legte er erneut Zeitungspapier in den Kamin, wartete bis es Feuer gefangen hatte und setzte dann ganz mutig ein paar schwere Holzscheite darauf. In kurzer Zeit hatte er nun ein prächtiges Feuer in Gang gebracht. Es prasselte, knisterte und knallte im Kamin. Stolz betrachtete er die lodernden Flammen. Doch dann wich die Freude einem ungläubigen Staunen. Nach einem lauten Knall schossen einige erbsengrosse Glutbrocken durch den Raum und verteilten sich gleichmässig über den Holzboden. "Scheisse, was soll denn das“, schimpfte Peter und kickte die glühenden Kohlestückchen zurück in den Kamin. Doch schon gab es weitere Miniexplosionen. Peter hatte alle Hände und Füsse voll zu tun, um einen weiteren Zeitungsbericht über ein Grossfeuer in den bayerischen Alpen zu vermeiden. Endlich entdeckte er ein Schutzgitter, welches er eiligst vor der Kaminöffnung aufstellte. Hastig beseitigte er die Spuren seiner versuchten Brandstiftung, gerade noch rechtzeitig, bevor Petra und Kathrin ins Zimmer kamen. "Na, alles klar?" fragte Petra. "Sicher, alles im Griff“, schwindelte er und stellte seinen Fuss auf ein Kohlestückchen, das er übersehen hatte. Beim Anblick der beiden Frauen hätte er vermutlich einen ganzen Kohlenmeiler übersehen. Petra trug einen rosafarbenen Maxipullover mit weissem Norwegermuster und einem Rollkragen aus dem man lässig einen weiteren Pullover hätte stricken können. Der Pulli war, wie konnte es auch anders sein, aus unbeschreiblich flauschiger, reiner Angorawolle. Ihre Beine steckten in leuchtendweissen Angorastrumpfhosen und über die Füsse hatte sie rosa Hüttenschuhe aus, wer hätte das gedacht, Angora gestreift. Die blonde Lockenmähne wurde durch ein breites, weisses Angoraband gebändigt. Inzwischen kannte er Petra gut genug, um zu wissen, dass sich unter dieser kuscheligen Verpackung weitere Schichten Angora verbargen. Auch Kathrin bot einen Anblick, der jeden noch so überzeugten Lederfetischisten zum dahinschmelzen gebracht hätte. Sie war in etwas gekleidet, das im weitesten Sinne an einen Jogginganzug erinnerte. Er war aus reinem, faszinierend flauschigem Mohair. Durch den dichten Flausch schienen die unzähligen Quadrate in weisse und verschiedene Blautöne ineinander überzufliessen. Das Oberteil besass zwei Eingrifftaschen und eine voluminöse Kapuze. Am Halsausschnitte kam der Rollkragen des darunter getragenen, weissen Angorapullis zum Vorschein. Auch Kathrin trug ihre Haare mit einem passenden Mohairband. Und ihre Füsse steckten in weissen Lammfellpantoffeln. Mit besorgtem Blick trat Petra auf ihn zu. "Ist dir nicht gut? Du schwitzt ja“, sagte sie und strich eine Schweissperle von seiner Stirn. "Das ist nur das Feuer“, antwortete der und hatte dabei nicht einmal gelogen. Allerdings war es das innerliche Feuer, das ihm mächtig einheizte.
Petra holte einen grossen Kupferkessel vom Kaminsims und hängte ihn an einen schwenkbaren Arm, der über dem Feuer angebracht war. Kathrin war indessen in die Küche gegangen und mit zwei grossen Dosen Linseneintopf, einem Glas Würstchen, Tellern und Besteck zurückgekehrt. Peter wurde damit beauftragt die Dosen zu öffnen und den Inhalt in den Kessel zu schütten. "Schade, dass wir kein Brot haben“, sagte Petra und schwenkte den Topf über das Feuer. "Morgen werden wir ins Tal fahren und mit Lebensmitteln eindecken."
Es war ein Abendessen, das man sich nicht romantischer hätte vorstellen können. Petra hatte mehrere Pelzdecken auf den Lammfellen vor dem Kamin ausgebreitet. Die drei liessen sich darauf nieder, sassen eng beieinander und löffelten köstlichen Linseneintopf. Jedes Mal, wenn Petra den Löffel zum Mund führte, tauchte ihr Kinn tief in den üppigen Flausch ihres Riesenkragens ein und liess sich von ihm streicheln. Seltsam, Peter wünschte sich plötzlich, nach seinem Ableben als rosa Angorapulli mit weissem Norwegermuster und Rollkragen wiedergeboren zu werden. Was für eine Vorstellung, dachte er. Er könnte den Körper seiner Freundin unablässig streicheln, mit weichem Flaum umschmeicheln und mit Wärme umgeben. Dafür würde er sogar in Kauf nehmen, viele einsame Tage in Petras dunklem Kleiderschrank zu verbringen, während sie sich mit einem der zahllosen "Nebenbuhlern" vergnügte.
Nach dem Essen legte Peter ein paar neue Holzscheite in Feuer und liess sich wieder auf die Pelzdecken nieder. Petra kuschelte sich an Ihn und legte ihren Kopf auf seine weiche Brust. Als Peter den wehmütigen Blick in Kathrins Augen entdeckte, legte er seinen rechten Arm um ihre Schulten und zog sie zu sich heran. Kathrin lächelte dankbar und belohnte Peter, in dem sie begann, seinen Bauch sanft zu streicheln. Es begann ein Kuscheln und Schmusen, Streicheln und Liebkosen, das bis tief in die Nacht anhielt und nur durch regelmässiges Holznachlegen unterbrochen wurde. Irgendwann hatte Peter plötzlich keine Hose mehr an. Im Flauschrausch hatte er den Verlust der Jeans nicht einmal bemerkt. Aber es kümmerte ihn nicht weiter, dass er, als gestandener Mann, nur eine flaumige Angorastrumpfhose trug. Im Gegenteil, sein kleiner Freund hatte nun mehr Platz, um sich zu entfalten. Peter genoss die Kuschelorgie in vollen Zügen.
Die Streichelbewegungen wurden langsamer, das entspannte Schnurren der Frauen leiser. Fast gleichzeitig versanken Petra und Kathrin glücklich lächelnd im Reich der Träume. Mit einem Schmunzeln angelte Peter nach einer weiteren Pelzdecke, breitete sie über sich und die beiden Mädels aus, legte sich lang und liess dem Sandmännchen freien Lauf.
Kapitel-5
Am nächsten Morgen erwachte Peter mit einer pelzigen Zunge auf, die noch dazu nach Schauma Shampoo schmeckte. Er schlug die Augen auf und wartete, bis sich der Grauschleier auflöste. Dann erst registrierte er, dass es der Flausch von Kathrins Mohairstirnband war. Sein Kopf lag auf dem ihren und das Mohairband steckte halb in seinem Mund. Nachdem er sich von zahlreichen, auffallend langen Fusseln befreit hatte, wurschtelte er sich unter der warmen Pelzdecke hervor, bemüht, die Frauen nicht zu wecken. Er reckte und streckte sich, trat ans Fenster und schaute auf eine atemberaubende Landschaft. Die Morgensonne zauberte Milliarden glitzernder Diamanten in den Schnee. Da und dort rutschte eine kleine Lawine von den schneebeladenen Tannen, die das Haus umgaben. "Wunderschön, nicht?" hörte er Petra hinter sich sagen. Dann schlangen sich zwei flauschige Arme um seinen Oberkörper und ein verschlafenes Gesicht tauchte über seiner Schulter auf. "Das ist wie im Märchen“, antwortete Peter und kratze sich am Oberschenkel. Plötzlich hielt er inne. Im wurde bewusst, dass er nur mit einer dicken Angorastrumpfhose bekleidet war. Im selben Augenblick kam er sich lächerlich vor. Verlegen schaute er sich nach seiner Jeans um, die irgendwo im Raum herumliegen musste, doch vorerst blieb sie unauffindbar. Da fühlte er, wie eine Hand langsam streichelnd seinen Körper entlang nach unten glitt, bis sie fast sein Knie erreicht hatte. "Weisst du eigentlich, dass du sehr süss aussiehst in deiner weissen Angorastrumpfhose?" sagte Petra. "Ach wirklich“, meinte Peter mit einer unüberhörbaren Portion Sarkasmus in der Stimme. Süss und bescheuert, dachte er und befreite sich aus Petras Umarmung. "Wo habt ihr meine Jeans versteckt." "Keine Ahnung, aber die brauchst du ja vorerst sowieso nicht." Petra konnte oder wollte offenbar nicht verstehen, dass sich ein Mann in Angorastrumpfhosen wie ein Weichei vorkommen musste. Zumindest fühlte sich Peter in diesem Moment so. Auf der anderen Seite genoss er Petras Streicheleinheiten, die sich nun seiner Körpermitte näherten. "Guten Morgen, meine Lieben“, sagte Kathrin, die inzwischen aufgewacht war und ebenfalls ans Fenster trat. "Habt ihr auch so gut geschlafen? So ein kuscheliges Bett hatte ich noch nie, und erst das Kissen." Sie streichelte demonstrativ durch den dichten Angoraflausch von Peters Pullover und schnurrte dabei wie eine Katze. "He, das ist mein Freund“, kicherte Petra und schubste sie zur Seite. "Immer musst du alles für dich alleine haben“, witzelte Kathrin. "Gib mir wenigstens den Teil ab“, sagte sie und zwickte Peter in den Po. "Ok, Mädels, bevor ihr mich in kleine Stückchen aufteilt, sollten wir uns stärken. Ich habe mächtigen Kaffeedurst." "Gute Idee, aber vor dem Genuss kommt die Arbeit“, sagte Petra ernst. "Kathrin, du holst zwei Eimer voll Schnee und bringst ihn in die Küche. Peter, du bist für das Feuer im Ofen zuständig. Und ich werde den Kaffee mahlen. Vielleicht finde ich auch noch etwas, das wir als Frühstück verwenden können." "Jawohl, Chefin“, antwortete Kathrin und stand stramm. Ihr Blick fiel nach draussen. "Muss ich wirklich da raus?" setzte sie kleinlaut hinzu und kuschelte sich in ihren dicken Pullover. "Frau Dr. Steegmann!" "Sklaventreiberin!" Wenige Minuten später sah man von der Küche aus Kathrin durch den tiefen Schnee stapfen, die Kapuze weit ins Gesicht gezogen, rechts und links je einen verzinkten Wassereimer in der Hand. Petra sass auf dem Küchentisch und amüsierte sich köstlich, während sie sich zugleich mit einer antiken Kaffeemühle abmühte. Peter, der "Feuerwerker", hatte inzwischen den Holzofen angeheizt und sich dann heimlich nach oben auf sein Zimmer geschlichen. Er hatte sich nun lange genug in der flauschigen Angorastrumpfhose lächerlich gemacht. Schon als er einen der prall gefüllten Koffer auf sein Bett warf, wurde er misstrauisch. Verdächtig leicht, dachte er, liess die Schlösser aufschnappen und schlug den Deckel zurück. Tiefer, dichter Angoraflausch in verschiedenen Farben entfaltete sich. Peter stemmt die Fäuste in die Hüften und schüttelte den Kopf. So etwas Ähnliches hatte er sich schon gedacht. Er begann, den Koffer zu entleeren und zählte sieben Angorapullis, drei Angorajacken und acht Angorastrumpfhosen. Jedes einzelne Kleidungsstück war handgestrickt und aus unbeschreiblich flauschiger, reiner Angorawolle. Peter ertappte sich dabei, wie er genüsslich über den weichen Flaum streichelte. Plötzlich hielt er inne und betrachtete die Knopfleiste einer schwarz-grau-gemusterten Strickjacke genauer. Um ganz sicher zu sein schlüpfte er in die Jacke und knöpfte sie zu. Kein Zweifel, es war eine Herrenstrickjacke, eindeutig. Die Knopflöcher befanden sich auf der linken Seite. Trug er etwa die abgelegten Klamotten eines Ex-Lovers von Petra auf? Nein, die Jacke, wie auch all die anderen Stricksachen waren ganz offensichtlich ungetragen. Warum strickt Petra Herrenjacken? Hatte sie etwa schon länger geplant, einen Mann mit Angora zu umgarnen? Wie dem auch sei, bei Peter war ihr das gelungen. Er öffnete den zweiten Koffer und entdeckte auch darin zunächst nur Angorastricksachen, darunter einen hellblauen Anzug, ähnlich dem, den Kathrin im Moment trug, nur eben aus reinem Angora. Ausserdem kamen drei weitere Strumpfhosen, drei Strickhosen, etliche Paar Strickhandschuhe, einige lange Schals, vier dicke Angoramützen und zwei Paar Hüttenschuhe zum Vorschein. Endlich brachte er die erhofften Jeans zutage. Zwei, gerade einmal zwei armselige Jeans, die eine schwarz, die andere blau, hatten sie ihm eingepackt. Ein Hemd oder ein T-Shirt suchte er vergebens. Socken, hatten sie wenigstens an Socken gedacht. Und Unterwäsche! Nichts dergleichen. Die Mädels hatten ihn einfach übertölpelt. In dem sie die wichtigsten "Männerklamotten" nicht eingepackt hatten, zwangen sie ihn dazu, Angorastrumpfhosen und Angorapullis zu tragen. Biester, dachte er, musste im selben Augenblick aber schmunzeln. "Peter, wo steckst du? Der Kaffee ist fertig“, rief es von unten. "Komme gleich. Will mich nur frisch machen." Wie ihr wollt, dachte Peter. Was bleibt mir auch anderes übrig. Er zog sich nackt aus, legte die abgelegten Kleider aufs Bett. Jetzt erst wurde ihm bewusst wie eiskalt es im Zimmer war. Jetzt erst sah er, dass sein Atem kondensierte. Er griff sich eine dunkelblaue Angorastrumpfhose und schlüpfte hinein. Dazu wählte er einen farblich passenden Rollkragenpullover. Wow, das war nicht nur gigantisch weich, auch eine angenehme Wärme breitete sich sogleich über seinen Körper aus. Dann, mit einem leichten Zögern, zog er sich den herrlich flauschigen Strickanzug an. Dabei erst bemerkte er, wie dick die beiden Teile waren. Er grub im Flausch nach den Maschen und stellte fest, dass sie aus zwei Garnfäden bestanden. Der Anzug war aus doppelter Angorawolle gestrickt. "Toll", hörte er sich sagen. "Peter, alles in Ordnung?" kam es erneut von unten. "Wie, ja,. bin gleich unten“, antwortete er. Mit einem tiefen Seufzer setzte er sich in Richtung Treppe in Bewegung. Auf halbem Wege kamen ihm Zweifel. Irgendwie kam er sich nun doch lächerlich vor. Ein Mann, 1,85 gross, nicht gerade schmächtig gebaut und mit tiefer Stimme lief in einem flauschigen Anzug aus hellblauer Angorawolle herum. Seine Arbeitskollegen würden sich totlachen. Oder etwa nicht. Peter war hin und her gerissen. Und wie würden die Frauen reagieren. Wahrscheinlich würden auch sie ein gewisses Grinsen nicht verheimlichen können. Er war fast schon soweit, ins Zimmer zurück zu gehen und den Angoraanzug gegen eine richtige Männerjeans zu tauschen, als es schon wieder von unten herauf rief: "Peter! Komm endlich!" Na gut, dachte er und stieg entschlossen die Treppe hinunter. Als er in die sogenannte Stube trat, erwartete er schallendes Gelächter oder zumindest leises Kichern. Nichts dergleichen. "Na endlich" und "Steht dir gut“, war alles, was er zu hören bekam. Peter war fast ein wenig enttäuscht. Er liess sich in einen der Sessel vor dem Kamin fallen und bekam eine Tasse mit heissem Kaffee in die Hand gedrückt. Schliesslich erhielt er aber doch noch die erhoffte Belohnung für seinen Mut. Petra setzte sich auf seinen Schoss und kuschelte sich an ihn. "Danke“, flüsterte sie, streichelte über seinen flauschigen Bauch und küsste ihn zärtlich. "Wofür?" "Dafür, dass du dich so kuschelig angezogen hast. Du musst wissen, ich bin ganz vernarrt in Angorastricksachen." "Was du nicht sagst. Darauf wäre ich nie gekommen." "Merkt man das?" "Kaum“, antwortete Peter ironisch. "Mit meiner Kuschelleidenschaft habe ich schon Kathrin angesteckt. Und nun hat es offenbar auch dich erwischt. Oder trägst du die Sachen nur mir zuliebe?" Peter wusste nicht recht, was er darauf antworten sollte. Noch immer fühlte er sich hin und her gerissen zwischen totaler Begeisterung und tiefer Scham. "Habt ihr etwas gefunden, das zu einem Frühstück taugt?" wollte Peter wissen, um damit von der peinlichen Frage abzulenken. "Leider nein“, antwortete Kathrin und nippte an ihrem Kaffee. "Es sei denn, du hättest gerne Ravioli aus der Dose zum Frühstück." Peter und Petra verzogen das Gesicht zu einer Grimasse. "Wir müssen ins Tal, um Lebensmittel einzukaufen“, meinte Petra. "Geht ihr nur“, sagte Kathrin und schauderte. "Ich war heute schon draussen und das hat mir gereicht. Es ist entsetzlich kalt. Mich bringt so schnell keiner mehr hinaus in diese Kälte." "Wie du willst, dann gehen eben nur Peter und ich." "Aber ich ..." weiter kam Peter nicht. Petras ernster Blick liess ihn sofort verstummen und seine Einwände vergessen.
Es war wirklich eiskalt. Obwohl die Sonne schiene, zeigte das Thermometer neben der Haustüre -14 Grad. Aber nicht nur deshalb zog Peter den Reissverschluss seiner Jacke bis ganz nach oben und stülpte die Kapuze über den Kopf. Er hoffte, damit die beiden Angorapullis, die er darunter trug, verbergen zu können. Es war ein sinnloser Versuch. Die Rollkragen quollen unter der Jacke hervor und reichten ihm bis über das Kinn. Auch an den Ärmelbündchen war der weiche Angoraflausch deutlich zu sehen. "Warum hast du keine Handschuhe und Mütze angezogen?" fragte Petra im Tonfall einer besorgten Mutter und zog die breiten Kordeln Ihrer eigenen Ballonmütze fester zusammen. Peter antwortete nicht, sondern machte sich daran, die dick vereisten Scheiben des Mercedes freizukratzen. Bald begannen seine Hände vor Kälte zu brennen und er bereute, dass er Petras Rat nicht gefolgt war und wenigstens ein paar der warmen Angorahandschuhe angezogen zu haben. Zugegeben hätte er das allerdings niemals. Er biss lieber weiter auf die Zähne und machte sich daran, die Schneeketten auf den Hinterrädern zu überprüfen. Es war schon ein paar Jährchen her, als er zum letzten Mal einen Wagen mit Schneeketten versehen hatte und wollte sicher sein, sie unterwegs nicht zu verlieren. Er erinnerte sich nur ungern an die zirkusreife Vorstellung, als ihm das vor vielen Jahren schon einmal passiert war und fürchtete, sie könne sich wiederholen. Anders als erwartet sassen die Ketten noch immer fest auf den Rädern. Stolz baute er sich vor Petra auf. "Na?“, sagte er. Ein gewisses Mass an Überheblichkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören. "Na was? Fahren wir!" sagte Petra und setzte sich auf den Beifahrersitz. Peter verzog das Gesicht und liess sich hinter das Lenkrad fallen.
Was Peter am Vorabend für eine schmale Passstrasse gehalten hatte, erschien bei Tage in einem ganz anderen Licht. Es war kaum mehr als ein Trampelpfad, der sich eng an den Berg schmiegte, kaum breiter als der Mercedes, ohne Leitplanken oder wenigstens einen Zaun. Nur ein paar altersschwache Bäume könnten im Falle eines Falles den Absturz in die endlose Tiefe verhindern. Entsprechend vorsichtig und langsam liess er den teuren Mercedes talwärts rollen. Dass sie am Fusse des Berges wieder in die Zivilisation zurückkehrten, zeigte sich an fast schneefreien, gestreuten Strassen und Fahrbahnmarkierungen, wie Peter sie kannte. Auch der Verkehr nahm zu, je mehr sie sich einer kleinen Stadt näherten. Mit dem Anblick der Fahrzeuge und den Gedanken an viele Menschen nahm auch Peters Unbehagen wieder zu. Ohne sichtbaren Erfolg versuchte er, den flauschigen Rollkragen unter seine Lederjacke zu stopfen. "Was ist?", wollte Petra wissen. "Mir ist nur warm“, schwindelte er. "Ich dachte schon, du schämst dich wieder, weil du einen Angorapulli trägst." "Aber nein." "Dazu gäbe es auch keinen Grund. Du siehst klasse aus, so richtig zum Einkuscheln. Das meine ich ganz ehrlich." Hinter einer Kreuzung tauchte ein grosser Supermarkt auf. Petra tippte ihren Freund auf dessen Arm und deutete auf die Einfahrt zum Parkplatz. Peter nickte, lenkte den Mercedes die zweispurige Rampe hinauf und kurvte mehrmals durch die Reihen parkender Autos. Alles belegt, keine Lücke frei, fluchte er in Gedanken. "So kurz vor den Feiertagen ist hier immer die Hölle los. Es ist leider der einzige Supermarkt, in dem man einigermassen anständige Qualität bekommt. Es gibt noch zwei andere, aber dort findet man nur Ramsch“, erklärte Petra. Da endlich, unmittelbar vor ihnen, stieg ein altes Paar in einen uralten Ford ein, den die beiden vermutlich schon als Jungvermählte gefahren hatten. Peter positionierte den Mercedes so, dass er sofort in die hoffentlich bald freiwerdende Parklücke einfahren konnte. Es störte ihn nicht im Geringsten, dass er sich damit den Unmut der hinter ihm wartenden Autofahrer auf sich zog. Sowohl deren, als auch Peters Geduld wurde mächtig auf die probe gestellt. Dem Alter von Fahrzeug und Fahrer entsprechend dauerte es eine Ewigkeit, bis sich der museumsreife Ford im Zeitlupentempo rückwärts aus der Parkbucht schob. Unbewusst hämmerte Peter auf sein Lenkrad. Endlich, endlich war der Weg in die Parklücke frei und er kurvte rasant hinein. Weder Peter, noch Petra war der weisse Opel in der Autoschlange hinter ihnen besonders aufgefallen. Auch als der Wagen an ihnen vorbei rollte, während sie gerade ausstiegen, bemerkten sie nicht, dass sie von den Insassen, zwei dunkel und alles andere als winterlich gekleideten Männer, genau gemustert wurden. Peter war viel zu sehr damit beschäftigt, den an Kragen und Ärmeln herausquellendem Angoraflausch so gut es ging zu verstecken. Es war ein sinnloses Unterfangen. Als er zu dieser Einsicht kam und mit einem tiefen Seufzer kommentierte, war Petra bereits voraus in Richtung Eingang des Supermarktes geeilt und passierte dabei nichtsahnend den weissen Opel. Als Peter seine Freundin endlich eingeholt hatte und nach ihr durch die Drehschranke den gigantischen Supermarkt betrat, stand nicht er, sondern Petra im Mittelpunkt des Interesses der meisten Leute. Vor allem Männer waren es, die sich die Köpfe nach der rundherum in kuschelweichen Angoraflausch eingehüllten Traumfrau verdrehten. Peter wurde praktisch nicht beachtet. Langsam, ganz langsam wich die Unsicherheit und machte dem zunehmenden Stolz auf seine hübsche Freundin Platz. Er liess sich sogar zu einem kleinen Schmunzeln hinreissen, als er einen jungen Mann beobachtete, der im Vorbeigehen auffallend unauffällig den weichen Flausch von Petras Angorajacke streichelte. Und als er den bösen Blick der Begleiterin des Kerls sah, musste Peter laut auflachen. Petra bekam von all dem nichts mit. Sie war voll damit beschäftigt, den grossen Einkaufswagen mit allerlei Lebensmitteln zu beladen. Plötzlich war Petra verschwunden. Nur für den Bruchteil eines Augenblicks hatte sich Peter durch eine Lautsprecherdurchsage ablenken lassen und schon war die Frau wie vom Erdboden verschluckt. Durch die zurückliegenden Ereignisse war Peters Nervenkostüm nicht sehr stabil. Mit klopfendem Herzen eilte er von einer Regalreihe zur anderen, doch nirgends fand sich auch nur ein Fussel seiner Geliebten. "Ist Ihnen nicht gut?" hörte eine weibliche Stimme hinter sich sagen. "Ich hab' meine Freundin verloren“, antwortete Peter mit einem weinerlichen Unterton. Er klang wie ein kleiner Junge, der sich verlaufen hatte. Die junge, gutaussehende Angestellte des Supermarktes musste schmunzeln. Dann wanderte ihr Blick auf seinen hals, wo sich üppiger Angoraflausch den Weg durch den Ausschnitt seiner Lederjacke suchte. "Trägt Ihre Freundin auch Angora? Eine weisse Angorajacke und ...?" "Ja, genau, das ist sie, wo ist sie?" wollte Peter erleichtert wissen. "Direkt hinter Ihnen." Peter stutze, fuhr herum, nahm seine Petra in die Arme und drückte sie fest an sich. "Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt“, flüsterte er in den weichen Flausch Ihrer dicken Angoramütze. "Das kannst Du mit mir nicht machen. Für den Rest den Einkaufs werde ich dich besser an die Hand nehmen, damit du mir nicht noch einmal verloren gehst." "Pech gehabt“, witzelte Petra und zog ihre Hand aus der seinen. "Ich habe schon alles, was wir brauchen. Und die Kasse ist nur ein paar Schritte von hier."
Kapitel-6
Peter verdrehte die Augen, murmelte etwas unverständliches und beeilte sich, seiner Freundin hinterher zu gehen. Er war nur noch wenige Schritte von ihr entfernt, als er sah, wie sich zwei dunkel gekleidete Männer rechts und links von Petra aufstellten und ihre Arme ergriffen. Ihr Kopf zuckte erschrocken hin und her. Kein Zweifel, die beiden Männer gehörten zu SIR. Offenbar war die Flucht der drei Freunde doch nicht unbemerkt geblieben. Und die Gefahr, in der sich vor allem Petra befand, war grösser denn je. Die geplatzte Entführung und die zahlreichen Verhaftungen hatten die Organisation geschwächt, aber auch gereizt. Ein zweites Mal würden sich die noch verbliebenen SIR-Anhänger sicher nicht so einfach hinters Licht führen lassen.
Nachdem sich der erste Schrecken gelegt und sein Körper den heftigen Adrenalinschub überwunden hatte, begann Peters Gehirn wieder zu arbeiten. Er suchte fieberhaft nach einer Idee, um die beiden Männer schnellstmöglich abzuschütteln. Sein Blick fiel auf die halb geöffnete Sakkotasche des Typs zu Petras Rechten. Da war sie, die Idee. Hoffentlich funktioniert es, dachte er sich, griff nach einem der Schokoladenriegel im Verkaufsständer vor der Kasse, machte drei Schritte auf den Kerl zu und liess die süsse Überraschung vorsichtig in dessen Tasche gleiten. Dann winkte er eine Verkäuferin zu sich und sagte:
"Ich habe beobachtet, wie dieser Mann einen Schokoladenriegel geklaut hat."
"Sind sie sicher?", wollte die Angestellte wissen.
"Ja, hundertprozentig! So eine Schweinerei!", empörte sich Peter.
"Danke“, sagte die Verkäuferin, trat von hinten an den Mann heran und tippte ihm auf die Schulter.
"Würden sie mich bitte ins Büro begleiten."
Hastig drehte sich der ertappte Dieb zu ihr um und schaute sie fragend an.
"Wozu?"
Petra, die gerade dabei war, ihre Einkäufe auf das Transportband der Kasse zu packen, bemerkte von alldem nichts. Nervös und ängstlich entlud sie weiter ihren Einkaufswagen.
"Sie wurden bei einem Diebstahl beobachtet“, erklärte die Verkäuferin.
"Das muss ein Irrtum sein."
"Bitte erregen sie kein Aufsehen. Sollte es sich wirklich um ein Missverständnis handeln, lässt es sich schnell klären. Aber nicht hier, sondern im Büro des Marktleiters."
Die Kassiererin hatte bereits begonnen, Petras Einkäufe über den Scanner zu ziehen. Das Piepen des Geräts irritierte den Mann. Seine Augenlieder zuckten bei jedem Ton. Er liess Petras Arm los und ergriff stattdessen den der Dame in weissen Kittel. Peter sah schon seinen Plan misslungen. Gleich würde der Kerl eine Waffe aus dem Schulterhalfter ziehen und ein Massaker im Supermarkt anrichten.
"Fassen sie mich bitte nicht an“, keifte die energische Angestellte. "Kommen sie nun mit nach hinten oder soll ich den Marktleiter rufen lassen?"
"Schon gut, schon gut."
Peter atmete tief durch. Der Kerl warf seinem dämlich dreinschauenden Komplizen einen genervten Blick zu und sagte brummig: "Du kümmerst dich um alles, verstanden!"
"Nein, sie gehören offensichtlich zusammen und kommen bitte beide mit ins Büro."
Perfekt, dachte Peter und sah in den Augenwinkeln, wie seine Liebste ihre Waren bezahlte. Als sie mit zittrigen Händen das Wechselgeld in Empfang genommen hatte, mogelte sich Peter zu ihr, legte seine Hand auf ihren Rücken und schob sie mit sanfter Gewalt Richtung Ausgang.
"Lassen sie mich los, ich komme ja freiwillig mit“, zischte Petra mit einem kleinen Lächeln.
"Hey, ich bin's doch nur“, flüsterte Peter. "Aber SIR hat uns leider aufgespürt!"
"Was?", kreischte Petra. Sie fuhr so heftig herum, dass sich ein paar weisse Angorafusseln aus dem flauschigen Gestrick ihrer Jacke verabschiedeten und durch die Luft wirbelten.
"Schnell, beeil dich, raus hier“, ermahnte Peter seine Freundin und beschleunigte seine Schritte. Für einen kurzen Moment verlor er die Übersicht über den riesigen Parkplatz, konnte sich nicht erinnern, wo er den Wagen abgestellt hatte. Doch dann entdeckte er das schwarze Dach des Kombis und stiess einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Am Wagen angekommen, rammte er den Schlüssel ins Schloss der Heckklappe, riss sie auf und begann Petras Einkäufe mit beiden Händen aus dem Gitterwagen in den Kofferraum zu schaufeln.
"Pass doch auf, die Eier!" rief Petra.
"Du hast Sorgen! Was sind schon ein paar kaputte Eier gegen eine Kugel im Kopf?" erwiderte Peter, ohne das Umladen zu unterbrechen. Schliesslich gab er dem Einkaufswagen einen Schubs, knallte die Heckklappe des Autos zu und beeilte sich, hinters Steuer zu kommen. Petra sass bereits auf dem Beifahrersitz. Noch während er die Türe Schloss zog, startete er schon den Motor, drückte den Rückwärtsgang hinein und rollte aus der Parklücke. Im Rückspiegel sah er, wie die beiden Männer, gefolgt von einer wild gestikulierenden Verkäuferin, durch die Schiebetür drängten und dann auf den Mercedes zu rannten.
"Sie kommen!", schrie Peter. Er packte den Schalthebel, als wolle er ihn herausreissen, schlug in nach vorn und gab Vollgas. Mit heulendem Motor schoss der Kombi über den Parkplatz, ohne Rücksicht auf Passanten.
So mancher musste sich durch einen waghalsigen Sprung zur Seite vor dem brüllenden schwarzen Monster retten.
"Es ist frei“, kreischte Petra, doch Peter war schon in die Hauptstrasse eingebogen und jagte dem Ortsende entgegen.
"Sind sie hinter uns?", wollte Peter wissen.
"Keine Ahnung“, antwortete Petra. "Ich glaube nicht."
"Es wird nicht lange dauern, bis sie uns im Nacken hängen. Der Mercedes ist zu auffällig."
"Wie konnten die uns nur finden?" fragte Petra mit weinerlichem Unterton.
"Das spielt jetzt keine Rolle. Wir müssen sie loswerden. Ich habe da so eine Idee“, antwortete Peter und bog nach links in eine Seitenstrasse ab. Knapp hundert Meter weiter, vor einem Mehrfamilienhaus bremste er scharf ab und schaute sich um.
"Was hast Du vor?"
"Ich werde versuchen, die Typen auf eine falsche Fährte zu locken“, antwortete Peter. "Dazu brauche ich Deine Klamotten."
"Was?"
"Ja!" Peter zeigte auf einen überdachten Parkplatz. "Hier zwischen den geparkten Autos können wir unsere Kleider tauschen. Ich werde mich für Dich ausgeben und so tun, als würde ich mit dem Mercedes aus der Stadt fliehen. Du wirst Dir ein Auto mieten und Kathrin abholen. Ihr sucht euch irgendwo ein Hotel und taucht dort unter, bis ich wieder bei euch bin."
"Und wie willst du uns wiederfinden?", fragte Petra, die von dieser Idee nicht allzu viel zu halten schien.
"Ich rufe Euch spätestens morgen um diese Zeit übers Handy an. Ist doch ganz einfach."
"Ich habe eine bessere Idee. Wir gehen zur Polizei und werden um Polizeischutz bitten."
"Klasse Idee! Wie toll der Polizeischutz funktioniert, erleben wir ja gerade, nicht wahr?" entgegnete Peter ironisch und stieg aus dem Wagen.
Zunächst aber musste Peter die Schneeketten loswerden, damit er schneller fahren konnte. Er löste sie von den Rädern und warf sie achtlos zu den Einkäufen in den Kofferraum. Dann ging er zu Petra, die bereits zwischen den parkenden Autos auf ihn wartete. Dort zog er seine Jacke aus und machte sich an der Hose zu schaffen. Doch dann erinnerte er sich an die Angorastrumpfhose, die er darunter trug, hielt er inne und schaute sich befangen um. Hoffentlich sieht mich keiner, dachte er und schlüpfte aus der Jeans.
"Die Hosen auch?", fragte Petra und kicherte leise.
"Ja ... muss wohl sein."
Als Petra ihren Freund in dicken Angorastrumpfhosen vor sich stehen sah, wurde ihr Kichern lauter. Dann zog auch sie ihre flauschige Angorahose aus und übergab sie dem ungeduldig wartenden Peter.
"Vergiss ja nie, was ich hier für dich tue“, sagte Peter und streifte die voluminöse Strickhose über. In seinem Inneren kämpften Scham und Wohlbehagen. Als er Petras unbeschreiblich dicke und unendlich flauschige Kapuzenjacke in Empfang nahm, mischte sich heftige Erregung in seine Gefühle ein. Er schlüpfte hinein und liess sich von Petra beim Schliessen der Pelzhaken helfen. Sein kleiner Freund unterhalb der Gürtellinie wusste diesen Flauschrausch besonders zu schätzen und entfaltete sich in Rekordgeschwindigkeit. Während Peter noch darum bemüht war, seine Gefühle zu sortieren, bekam er Petras gigantische Ballonmütze über den Kopf gestülpt und mit den breiten Kordeln unter dem Kinn zugebunden. Durch die mächtige Mütze hatte sich Peters Kopfumfang gut und gerne verdoppelt. Die Geräusche um ihn herum winkten dagegen um die Hälfte gedämpft und unwirklich.
"Ein schlechter Tausch“, sagte Petra und zog die kalte, glatte Lederjacke über.
"Hä?"
"Schon gut. Du siehst süss aus“, antwortete sie und schlüpfte widerwillig in die Jeans.
"Wie? Kannst du nicht ein wenig lauter sprechen?", bat Peter.
Statt ihre Worte zu wiederholen, nahm Petra Peters Kopf in beide Hände und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Dann übergab sie ihm zwei Paar Angorahandschuhe, zog die beiden Paare, die sie selbst noch trug, zurecht und zupfte die dicke, blaue Angoramütze, die bisher unter der riesigen Ballonmütze verborgen war, in Form.
"Mir ist kalt und ich vermisse dich jetzt schon“, sagte sie laut und küsste ihren kuschelweich eingepackten Freund noch einmal.
"Wird schon schiefgehen. Wir lassen uns nicht unterkriegen“, meinte Peter.
"Danke, mein Schatz“, sagte Petra und legte ihm ihren mächtigen Angoraschal um den Hals.
Bevor Peter unter dem schützenden Dach des Parkplatzes hervor trat, schaute er sich verunsichert um. Plötzlich kamen ihm seine Arbeitskollegen in den Sinn. Wenn die ihn so sehen würden, wenn sie jemals herausfinden sollten, was er im Moment trug, würde er an den Südpol auswandern müssen. Dann hechtete er geradezu ins Auto, schlug die Fahrertüre zu und öffnete das Fenster einen Spalt weit.
"Du weisst, was du zu tun hast?"
"Ich komme klar“, antwortete Petra und warf ihm einen Kuss zu.
Peter nickte, starte den Motor, legte den ersten Gang ein, schaute in den Rückspiegel und...
"Ahhhh“, schrie er beim Anblick seines Spiegelbildes. Dann fuhr er davon.
Irgendwie hatte Peter den Weg durch das verwinkelte Wohngebiet zurück zur Hauptstrasse gefunden. Langsam rollte er auf die Kreuzung zu. So paradox es schien, statt zu fliehen, musste er sich nun auf die Suche nach den Gangstern machen. Er hatte Angst, aber Petra war es allemal wert, dass er sich für sie in Lebensgefahr begab. Er bog nach rechts ab und fuhr zurück zum Supermarkt. Er nahm sich vor, die Hauptstrasse so lange auf und ab zu fahren, bis seine Verfolger ihn wiedergefunden hatten. Die Chancen waren gering genug, aber eine Alternative gab es nicht.
Glück muss man haben, dachte Peter, denn schon von weitem sah er einen weissen Opel am Strassenrand und neben einer Telefonzelle die dazugehörenden Männer stehen. Deutlich konnte er die dummen Gesichter der Kerle erkennen. Betont langsam passierte er die beiden, wurde selbst aber nicht gesehen. Erst als sich ein Autofahrer hinter ihm genötigt fühlte, Peter wegen seiner Kriechgeschwindigkeit anzuhupen, fuhren die Köpfe der Typen herum.
"Danke“, sagte Peter und trat aufs Gaspedal. Im Rückspiegel beobachtete er, wie die zwei zu ihrem Wagen spurteten. Dieser stand jedoch in die entgegengesetzte Fahrtrichtung. Wieder musste Peter langsam tun, damit seine Verfolger Zeit zum Wenden hatten.
"Habt ihr's bald?", schimpfte er vor sich hin. "Wohl in der Fahrschule sitzengeblieben!"
Fast schon erleichtert stellte Peter fest, dass die Verbrecher nun endlich umgedreht hatten. Die Verfolgungsjagt konnte also endlich beginnen.
Die rasante Fahrt führte zur Stadt hinaus in eine wunderschöne, tief verschneite Winterlandschaft. Doch nach Landparty war Peter momentan nicht zumute. Ohne Schneeketten auf den Hinterrädern kam der Mercedes auf der teilweise vereisten Strasse immer wieder ins Schlingern. Bei gut 120 Sachen befand er sich konstant im Grenzbereich. Dann und wann kamen die am Strassenrand aufgetürmten Schneemassen bedenklich nahe, einmal sogar riss er mit dem rechten Aussenspiegel eine tiefe Kerbe in die weisse Wand. Doch zu seiner Erleichterung erging es seinen Verfolgern nicht besser. Im Grunde hatte er nichts weiter zu tun, als die Gangster so weit wie möglich von seiner geliebten Petra und Kathrin wegzulocken. Er hoffte nur, dass die zwei Frauen ebenfalls unterwegs waren, und zwar in die entgegengesetzte Richtung.
Mit zunehmender Dauer der rasanten Fahrt wurde Peter routinierter. Trotz der dicken Angorahandschuhe hatte er den Mercedes gut im Griff und so etwas Ähnliches wie Galgenhumor kam in ihm auf. Jeden Rutscher des Wagens, jedes Durchdrehen und Ausbrechen kommentierte er mit einem lauten "Hoppala", "Hui" oder "Sapperlot". Wenn seine Freunde hinter ihm ins Schlingern kamen, hatte er nur ein verächtliches "Ätsch" für sie übrig. Aber plötzlich blieb ihm ein "Eieiei" im Halse stecken. Mit Entsetzen wurde ihm bewusst, dass er einen Fehler gemacht hatte, der ihm zum Verhängnis werden konnte. Ausgelöst wurde dieser Schrecken durch eine kleine Leuchtdiode, die bei der Tankanzeige aufflackerte. Er hatte vergessen zu Tanken. Wieviel Reserve hat so ein Mercedes, fragte er sich. Fünf Liter, vielleicht zehn? Wie weit würde er bei dieser Fahrweise noch kommen? Nun leuchtete das Lämpchen bereits konstant und Peter war noch zu keiner Lösung gekommen. Würde der Wagen jetzt stehenbleiben, wäre das vermutlich sein Todesurteil. In dieser einsamen Gegend wäre er den Verbrechern hilflos ausgeliefert. Seine Leiche würde man, wenn überhaupt, erst im nächsten Frühjahr finden und dann womöglich neben Ötzi ausstellen. Peter sah schon die Schlagzeilen der Presse: "Die Sensation - Yeti entpuppt sich als Mann in Angora". In seiner Verzweiflung trat Peter das Gaspedal voll durch. Bevor die Verfolger nachsetzen konnten, hatte er schon gut 200 Meter Vorsprung. Nach einer kleinen aber tückischen Kuppe waren sie im Rückspiegel zunächst nicht mehr zu sehen. Doch nur einen Augenblick später tauchten sie wieder auf, seitwärts rutschend bis sich das Heck des Opels in der Schneewand am Strassenrand verhakte. Wie ein Brummkreisel drehte sich der Wagen mehrmals um seine eigene Achse, krachte wieder in die Schneewand, dieses Mal auf der anderen Strassenseite, hob ab und flog mit einer filmreifen Drehung über die Böschung und versank bis zu den Fenstern im tiefen Schnee. "Wooooowwww" war Peters einziger Kommentar. Dann nahm er erleichtert den Fuss vom Gas, lehnte sich in seinem Sitz zurück und zuckelte mit gemächlichen 60 Stundenkilometern weiter.
Nach nur wenigen Kilometern erreichte Peter endlich eine kleine Ortschaft, wo er eine Tankstelle zu finden hoffte. Vergebens, ein paar Bauernhäuser, eine kleine Kapelle und ein uralter Gasthof, das war schon alles, was er im Vorbeifahren entdecken konnte. Ein wenig ratlos parkte er den Mercedes am Ortsende. Mitten im Nirgendwo, der Tank knochentrocken, seine Kehle auch, Peter spürte plötzlich tiefe Erschöpfung. Instinktiv wischte er sich eine Schweissperle von der Nase und erschrak erneut. Das hatte er in der Aufregung völlig vergessen: er steckte von Kopf bis Fuss in unendlich flauschiger Angorawolle und hatte keine Kleidung zum Wechseln dabei. "Ich Vollidiot!", schrie er in seiner Verzweiflung. "Warum kann ich keine Freundin haben, die auf Leder steht oder auf was weiss ich? So eine Blamage!"
Peter überlegte ernsthaft, ob er sich nackt ausziehen und hinaus in den eisigen Schnee setzen sollte, um dort langsam aber in Würde zu erfrieren. Glücklicherweise entschied er sich den zu erwartenden peinlichen Situationen zu stellen und diese traumatischen Erfahrungen dann von einem Spezialisten behandeln zu lassen. Fest entschlossen startete er den Wagen, wendete und fuhr in den Ort zurück. Vor einem Haus, das aufgrund der weiss getünchten Fassade und den grünen Fensterläden irgendwie sympathisch wirkte, hielt er an, nahm seinen ganzen Mut zusammen und stieg aus. Auf Beinen aus Gummi und pochendem Herzen ging er auf die Haustüre zu, holte zweimal tief Luft und drückte auf den Klingelknopf. Noch war Zeit zum Wegrennen, dachte er. Aber da hörte er auch schon Schritte. Die Türe wurde einen Spalt breit aufgezogen und eine zierliche Nase tauchte auf.
"Ja bitte?", fragte eine helle Frauenstimme.
Die Tür wurde ein wenig weiter geöffnet und der Kopf einer bildhübschen, etwa 25-jährigen Frau erschien.
Peter verschluckte sich und musste heftig husten. Warum um alles in der Welt musste das Mädchen so hübsch und jung sein? Warum konnte es kein steinaltes Bauernweiblein, möglichst halb blind, die ihm die Türe öffnete. Zutiefst beschämt blickte er in zwei riesengrosse, staunende, grüne Augen.
"Ich ... äh ... wissen sie, ich ... hm“, stammelte er.
"Ja?"
Das Staunen der jungen Frau wich langsam aber unübersehbar einem schelmischen Grinsen. Peter räusperte sich noch einmal, dann sagte er mit fester Stimme:
"Lachen Sie mich ruhig aus, ich habe es nicht besser verdient. Was mir heute alles passiert ist, das glaubt mir niemand."
"Da bin ich aber mal gespannt. So wie sie aussehen!"
"Nicht wahr? Meine Freundin und ich, wir machten hier in der Nähe Urlaub und ..."
"Kommen sie doch herein“, unterbrach die Claudia Schiffer der Alpen. "Die Geschichte will ich mir genau anhören und hier wird es etwas kalt."
"Dankeschön, danke."
Froh, aus dem Blickfeld der Ortsbewohner zu kommen, klopfte Peter den Schnee von seinen Stiefeln und trat ein.
"Hier entlang in die Stube, bitte“, sagte das Mädchen lächelnd und deutete auf eine offene Tür am Ende des kurzen Hausflurs.
"Oh nein, danke, ich will nicht stören“, wehrte Peter ab. Womöglich sass in der Stube die restliche Familie und würde bei seinem Anblick lachend von den Stühlen fallen.
"Sie stören nicht. Im Gegenteil. Im Winter ist es hier ziemlich langweilig. Da freut man sich über jede Abwechslung“, erwiderte sie, griff in den tiefen Flausch von Peters Arm und zog in hinter sich her in die besagte Stube. Darin sass nicht die Familie beisammen, nein, viel schlimmer! Zwei nicht minder junge und hübsche Mädchen lümmelten auf einer hölzernen Eckbank, vor sich je einen grossen Becher mit dampfendem Inhalt. Als er ins Zimmer trat, schauten sie auf, kniffen wie auf Kommando die Augen zusammen und verzogen ihre Gesichter zu einem Schmunzeln.
"Was ist das denn? Ein mutiertes Angorakaninchen?", frotzelte die rothaarige.
"Jessika, sei doch nicht so gemein. Sicher ist er nur erkältet und seine Mami hat ihn deshalb schön warm eingepackt“, entgegnete die mit der Bubikopffrisur.
"Ihr seid Hexen, alle beide“, schimpfte die, die Peter ins Haus geführt hatte. "Es hat sicher einen Grund, warum er so herum läuft. Möchten Sie ablegen?"
"Oder sollen wir sie rupfen“, kreischte wieder die rothaarige und rutschte vor Lachen unter den Tisch.
"Ha, ha“, erwiderte Peter. Etwas Besseres fiel ihm in diesem Moment nicht ein. Unbeholfen zupfte er die Handschuhe von seinen Händen und stopfte sie in die Tasche. Dann löste er den Knoten der Mütze, steifte sie vom Kopf und zog schliesslich den Schal von seinen Schultern.
"Die unter dem Tisch heisst Jessika ..."
Eine Hand erschien winkend über der Tischkante.
"Sie war bis gerade eben eine Freundin. Die daneben nennt sich Hilli, heisst aber Hiltrud."
"Eva!", empörte sich Hilli.
"Ja und nun wissen sie auch meinen Namen“, sagte diese.
"Ich bin Peter."
"Nicht Petra?", kreischte es unter dem Tisch hervor und die Hand schlug dazu im Takt auf die Tischplatte.
"Nein, so heisst meine Freundin. Sie ist auch der Grund, warum ich in diesem Outfit unterwegs bin“, entgegnete Peter mit aufkeimender Wut.
Der Rotschopf tauchte hinter der Tischkante auf.
"Nicht gleich sauer werden! Ich habe eben noch niemanden gesehen, der so dick und flauschig eingepackt ist, wie sie, erst recht keinen Mann."
"Stimmt“, bestätigte Hilli nickend. "Ungewöhnlich, aber sicher schön weich."
"Superweich“, ergänzte Eva, liess ihre Wange durch den üppigen Flausch an Peters Arm gleiten und schnurrte dabei so leise, dass es mehr zu ahnen, als zu hören war.
"Und wie kam es nun dazu, dass sie als Kuschelbär unterwegs sind?", fragte Hilli neugierig.
"Das ist eine längere Geschichte“, antwortete Peter.
"Wie haben Zeit“, sagte Jessika und setzte sich wieder ordentlich auf die Bank.
Ohne zu fragen holte Eva ein Glas und eine Flasche Mineralwasser aus der Küche nebenan, stellte beides vor Peter auf den Tisch und sagte: "Setzten sie sich und erzählen sie."
"Vor ein paar Tagen lernte ich Petra, meine Freundin bei einer Hochzeit kennen“, begann Peter, schenkte sich das Glas randvoll ein und trank es in einem Zug aus.
"Weiter, weiter“, drängte Jessika.
Über eine halbe Stunde lang sprach nur einer, und das war Peter. Es tat unendlich gut, sich das erlebte von der Seele zu reden. Zwischendurch machte er immer wieder eine kleine Pause, zog die dicke und viel zu warme Angorajacke aus, trank einen Schluck Sprudel, liess etwas Luft an seinen flauschig umhüllten Hals, beobachtete, wie Eva, die sich seine Mütze gegriffen hatte, unablässig durch den weichen Flausch streichelte oder schaute einfach nur kurz in die gespannten Gesichter der Mädchen. Als er am Ende seiner Geschichte angelangt war, herrschte minutenlanges Schweigen. Kein Lachen, kein Grinsen, nur Stille. Jessika, wer sonst, fand als erste die Sprache wieder.
"Also, wenn sie, wenn du nicht in diesem Aufzug vorhin zur Türe herein gekommen wärst, würde ich dir kein Wort glauben."
"Geht mir genau so“, bestätigte Hilli. "Mir wurde schon so manche Lügengeschichte aufgetischt, aber dein Fusselfummel ist echt."
"Ich weiss gar nicht, was ihr habt“, sagte Eva. "Also ich finde ihn richtig schnuckelig in seinen Angorasachen."
"Du nun wieder“, stöhnte Jessika. "Dein Anbaggern kannst du dir sparen. Hast doch gehört, der Typ ist so verliebt, dass er für seine Freundin sogar sein Leben riskiert."
"Ich habe nicht gebaggert!", entgegnete eine schmollende Eva. "Der Pulli steht ihm doch super. Und die Jacke finde ich sogar traumhaft."
"Schon, aber die Mütze und die Hose, na ich weiss nicht."
"Wollen wir nun über Männermode diskutieren oder überlegen, wie wir Peter helfen können“, meldete sich Hilli zu Wort.
Alle schauten Peter an, der trotz der unglücklichen Situation das Modethema eigentlich ganz gerne noch etwas ausführlicher besprochen hätte. Aber wie Hilli schon sagte, Hilfe war das, was er jetzt am dringendsten brauchte.
"Mit ein paar Litern Benzin und ein paar unauffälligeren Klamotten wäre mir schon gedient. Dann verschwinde ich, denn ich möchte euch nicht auch noch in die Sache hineinziehen“, sagte er.
"Das hast du schon“, korrigierte ihn Jessika. "Benzin wäre kein Problem, die Klamotten schon eher. Vor allem aber musst du den schwarzen Mercedes loswerden. Daran erkennt man dich doch sofort."
"Weiss ich, aber wie komme ich hier in diesem Nest an ein anderes Auto?"
"Nichts leichter als das“, jubelte Jessika. "Du nimmst meins und wir kommen mit."
"Spinnst du?", fragte Hilli und tippte sich an die Stirn.
"Jessy hat recht." Eva rieb sich das Kinn und fuhr fort. "Endlich ist Jessikas Klapperkiste zu etwas zu gebrauchen."
"Hee!"
"War nur Spass. Jessy ist total vernarrt in ihren monströsen Land Rover. Er ist alles andere als eine Rakete, aber mit der Kiste kommt man überall durch. Die Förster, Bauern und sogar die Polizei aus der Gegend haben so ein Gefährt. Darin haben wir alle Platz und ..."
" ... jeder glaubt, der Förster Huber macht mit seinen drei Hasen eine Landparty“, ergänzte Peter.
Alle brachen sie in schallendes Gelächter aus. Es schien beschlossene Sache zu sein.
"Endlich ist hier mal was los“, rief Jessika und streckte jubelnd ihre Arme in die Höhe.
"Ich muss euch warnen: es kann ziemlich gefährlich werden. Mit den Typen, die uns bedrohen ist nicht zu spassen“, machte Peter deutlich.
"Wir haben's vernommen“, antwortete die aufgedrehte Jessika und wühlte vor Aufregung in ihren roten Haaren. "Nun zu deinen Klamotten. Den Pulli behältst du an, der sieht klasse aus."
"Aber ...“, Peters Versuch sich zu widersetzen scheiterte kläglich.
"Kein ABER. Langweilige Männer in noch langweiligeren Polohemden gibt's genug. Endlich mal einer, der nicht nur behauptet, ein Kuschelbär zu sein, sondern auch einer ist. Hab' ich recht?"
Peter schwieg.
"Ob ich recht habe?"
Liebe Zeit, hat die ein Temperament, dachte Peter und nickte artig.
"Hilli, deine Jeanslatzhose müsste ihm einigermassen passen“, fuhr sie energisch fort. "An dir sieht sie sowieso unmöglich aus."
"Jetzt reicht’s aber!" Hilli drohte lächelnd mit ihrer zierlichen Faust.
"Von mir bekommst du eine blaue Steppweste und eine Baseballkappe."
"Habt ihr nicht vielleicht eine richtige Jacke“, fragte Peter. "So eine mit Ärmeln und hohem Kragen."
"Evas Flokati vielleicht“, schlug Jessi vor.
"Die Weste, ich nehme die Weste“, sagte Peter heftig nickend.
"Ist die irgendwie auf Koks oder so?", flüsterte er Eva zu.
"Nö, sie wirkt nur heute ein bisschen müde. Sonst ist sie lebhafter“, antwortete diese schmunzelnd.
"Ich überlege mir ernsthaft, ob ich mich nicht doch lieber von den Gangstern erschiessen lasse." Peter verdrehte die Augen und überliess sein Schicksal anschliessend den drei Frauen.
Während Jessika und Hilli die besprochenen Kleider zusammensuchten, packte Eva Peters Mütze, den Schal und die Angorajacke in eine grosse Tüte.
"Gibst du mir bitte die Angorahose, damit ich sie auch gleich einpacken kann. Keine Angst, ich habe schon einmal nackte Männerbeine gesehen."
"Wenn sie nur nackt wären“, entgegnete Peter und streifte die flauschige Hose herunter.
Ausgerechnet in diesem Moment musste Jessika wieder in die Stube kommen.
"Der Typ hat ja Angorastrumpfhosen an. Ich werd' nicht mehr. Ich wusste ja gar nicht, dass es überhaupt Angorastrumpfhosen gibt."
"Offensichtlich doch. Mit Liebe gestrickt“, sagte Peter und streckte ihr seine Zunge heraus. Dann griff er sich die Latzhose, die Hilli ihm reichte und schlüpfte so rasch es ging hinein.
"Na wer sagt es denn“, meinte Eva mit kritischem Blick. "Der Kerl sieht aus wie eine gute Party."
"Baggert die doch schon wieder“, grinste Jessy.
Hilli warf ihren Freundinnen einen mahnenden Blick zu. Dann schlug sie vor, zunächst den Mercedes in die Scheune hinter dem Haus zu fahren, anschliessend ein paar Sachen zusammen zu packen und vielleicht könnte man danach versuchen, Peters Freundin anzurufen.
Kapitel-7
Mit dem letzten Tropfen Benzin fuhr Peter den Mercedes in die Scheune hinter dem Bauernhaus. Als er den Wagen neben Jessies Land Rover parkte, musste er den Motor nicht mehr abstellen. Er ging von alleine aus. So etwas nennt man Timing, dachte Peter, stieg aus und begann damit, die Einkäufe vom Vormittag in den Geländewagen umzuladen. Wer konnte schon wissen, ob sie nicht doch noch gebraucht wurden. Nach ein paar Minuten gesellte sich Eva zu ihm. Sie trug ihren Flokati, wie Jessika den Mantel zu unrecht bezeichnet hatte. Es war ein knielanger, wollweisser und langhaariger Kunstpelz mit Kapuze. Nachdem sie einen mittelgrossen Koffer und ein paar Tüten im Rover untergebracht hatte, half sie Peter die restlichen Lebensmittel umzuladen.
Dann gesellten sich auch Hilli und Jessika zu ihnen. Auch die beiden waren warm eingepackt, Hilli in Jeans und rostbraunem Parka, dessen Kapuze ganz mit farblich abgestimmtem Fuchspelz gefüttert war, Jessy ebenfalls in Jeans und einer antik wirkenden Lederjacke mit Lammpelzfutter.
"Ich werde schon mal den Wagen vors Haus fahren“, sagte Jessy zu Peter und warf den mitgebrachten Seesack ohne Rücksicht auf die zum Teil empfindlichen Lebensmittel in den Kofferraum. "Du kannst inzwischen versuchen, deine Freundin anzurufen."
Peter nickte, liess sich von Eva zum Haus begleiten und zeigen, wo das Telefon stand. Er hob den Hörer des museumsreifen Gerätes ab und wählte mit zittrigen Findern. Nach zwei Huptönen meinte eine freundliche Frauenstimme, dass der gewünschte Gesprächspartner zur Zeit nicht erreichbar sei. Bevor sie diese Mitteilung auf englisch wiederholen konnte, legte Peter enttäuscht und besorgt zugleich wieder auf.
"Lasst uns fahren“, meinte er zu Eva.
"Du machst dir sorgen, nicht wahr?"
"Wundert dich das?"
Jessika wartete mit laufendem Motor vor der Haustüre. Hilli hatte es sich auf der Rückbank bequem gemacht. Neben ihr nahm Eva Platz, während Peter nach vorn zu der energiegeladenen Jessika stieg. Diese legte mit einem kräftigen Schlag gegen den Schalthebel den ersten Gang ein und fuhr mit einem mächtigen Ruck an. Der Land Rover war wirklich keine Rennmaschine, aber für winterliche Strassen das optimale Gefährt. Vereiste oder schneebedeckte Fahrbahnabschnitte waren kein Problem. So kamen sie doch zügig voran.
"Wohin fahren wir eigentlich?", wollte Jessika wissen.
"Zuerst zum Ferienhaus, würde ich vorschlagen. Dort können wir auch übernachten, wenn es sein muss“, antwortete Peter. "Hier irgendwo hat es den Opel meiner Verfolger zerschmettert."
Wie auf Kommando suchten vier Augenpaare die Schneefläche rechts und links der Strasse ab. Und tatsächlich, nur wenige hundert Meter weiter "parkte" der Opel mitten in einem schneebedeckten Feld. Jessika verlangsamte die Fahrt.
"Von den Verbrechern selbst ist nichts zu sehen, aber da führen Fussspuren auf die Strasse“, rief Eva und zeigte auf die besagte Stelle.
"Die sind längst über alle Berge“, meinte Jessika und gab wieder Gas.
Im grauen Licht der zunehmenden Dämmerung fuhren die vier weiter Richtung Stadt. Das monotone Heulen des Motors wirkte trotz der Lautstärke einschläfernd. Zumindest Peter musste einige Male herzhaft gähnen. Doch dann liessen ihn zwei menschliche Silhouetten voraus erstarren.
"Sind sie das?", fragte Hilli aufgeregt.
"Gut möglich", antwortete Eva, die sich zwischen den Sitzen nach vorn gebeugt hatte.
Jessy schaltete das Fernlicht ein.
"Kein Zweifel! Wer macht schon im Strassenanzug einen Spaziergang im Schnee!", witzelte sie.
Nun hatten auch die beiden Männer das näherkommende Fahrzeug bemerkt. Der hintere der beiden drehte sich zu ihnen um und streckte den Daumen heraus.
"Darauf kannste lange warten“, rief Jessika. "Soll ich sie über den Haufen fahren?"
"Gerne“, sagte Peter. "Aber das könnte zwei hässliche Beulen an deinem schönen Land Rover geben."
"Und erst die Blutflecken“, gab Eva zu bedenken.
"Dann lieber nicht, schade!" Jessika zog einen beleidigten Schmollmund, wich aber keinen Millimeter von ihrer Fahrspur ab. Nur weil sich die beiden Männer mit einem beherzten Sprung in den Schneewall rechts der Fahrbahn retteten, konnten sie einen Zusammenprall vermeiden.
"Bist du verrückt?", schrie Hilli, aber es gelang ihr nicht, ihr kleines Grinsen zu verbergen.
Ein paar Meter weiter hielt Jessika den Rover an und alle drehten sich nach hinten um. Durch das Rückfenster sahen sie, wie sich der grössere gerade aus dem Schnee herausarbeitete, während der kleiner wütend umherhüpfte. Schliesslich erhob er seine Faust und zeigte den vier Freunden den allseits bekannten Mittelfinger.
"Wie unfein“, schmunzelte Eva und alle lachten.
Es war bereits dunkel, als der Rover über die Hauptstrasse am Supermarkt vorbei durch die Stadt fuhr. Nichts erinnerte mehr an den hektischen Verkehr am Tage, alles war ruhig. Viele der Häuser und Gärten waren mit weihnachtlichen Lichtern geschmückt. Doch den Insassen des Geländewagens war wenig nach Weihnachten zumute. Bald erreichten sie das Ortsende und schliesslich auch die Abzweigung zum Haus der Familie List. Irritiert stellte Peter fest, dass, obwohl es geschneit hatte, relativ frische Reifenspuren zu sehen waren. Irgend jemand war vor nicht allzu langer Zeit den Weg hinauf zum Haus gefahren. Petra konnte es nicht gewesen sein. Sie und Katharina waren hoffentlich schon weit weg von hier. Sofern sich nicht ein Tourist hierher verirrt hatte, blieb als einzig logische Erklärung eigentlich nur SIR. Peters Herz begann wieder heftiger zu schlagen, als Jessika den Geländewagen durch den tiefen Schnee den Berg hinauf lenkte. Mit dem Mercedes wäre das ein aussichtsloses Unterfangen gewesen, der schwere Rover zeigt hier erst seine wahre Stärke. So erreichten sie langsam aber mühelos den Wald.
"Ist es noch weit?", wollte Eva wissen. Sie war merklich aufgeregt.
"Nein, einen Kilometer vielleicht noch“, antwortete der nicht minder nervöse Peter.
Plötzlich, nach einer weiteren scharfen Kurve tauchte ein verunglückter Wagen im Scheinwerferlicht auf. Es war ein kleiner, roter Suzuki, der halb im Strassengraben lag und verlassen schien.
"Das wird immer mysteriöser“, sagte Jessika ernst. Sie stoppte den Rover und schaute Peter erwartungsvoll an.
Der stieg nach kurzem Zögern aus, ging zu dem fremden Auto und warf einen Blick durch die Scheiben. Dann wandte er sich den Frauen zu, zuckte mit den Schultern und öffnete die Beifahrertür. Mit einem kleinen Seufzer kletterte er ins Innere des Wagens. Sein erster Gedanke galt dem Fahrersitz. Er zog den flauschigen Handschuh von seiner rechten Hand, befeuchtete die Fingerspitzen und streifte damit über die Sitzlehne. Nichts, nicht der kleinste Angorafussel, das konnte er selbst bei Dunkelheit feststellen. Petra hatte den Suzuki also nicht gefahren, da war er sich sicher. Wer aber hatte dann den kleinen Geländewagen in den Graben gelenkt? Es liess sich nicht feststellen. Peter konnte weder Wagenpapiere noch irgendeinen anderen Hinweis auf den Eigentümer des Autos finden, was seiner derzeitigen Gefühlslage nicht zuträglich war. Angespannt stapfte er zurück zum Rover, kraxelte umständlich hinein und berichtete.
"Fahrern wir weiter. Mal sehen, was uns beim Haus erwartet“, schlug Jessy vor.
"Gut, aber ohne Licht und so leise wie möglich."
Jessika tat ihr bestes. Sie schaltete das Licht aus und trat gefühlvoll auf das Gaspedal. Ein kurzes Aufheulen nur, dann lief der Motor untertourig und trieb den schweren Geländewagen in Schrittgeschwindigkeit weiter die Strasse hinauf.
An der kleinen Tanne, die die Zufahrt zum Haus markierte, tippte Peter Jessika auf die Schulter und flüsterte ihr zu, anzuhalten. Anschliessen schlüpfte er aus dem Auto, lief geduckt zu der Tanne und versteckte sich dahinter. Wenige Sekunden später prallte etwas gegen seinen Rücken. Es war Jessika.
"Geh zurück zu den anderen“, schimpfte er leise.
"Wir sind auch hier“, flüsterte Eva.
"Hmm“, bestätigte Hilli.
"Wo ist denn nun das Haus?"
Peter zeigte in die Richtung, in der er es vermutete. Mitten im Wald, bei stockdunkler Nacht war es nicht weiter verwunderlich, dass das Haus nicht einmal zu erahnen war. Und trotzdem hatte Peter Wackelpudding in den Beinen, als er sich auf den Weg zum Haus machte. Erst als er fast gegen die Tür lief, wusste er, dass er die richtige Richtung eingeschlagen hatte. Er wartete einen Moment, bis auch die drei Frauen ihn erreicht hatten, bevor er langsam die Türklinke niederdrückte.
"Abgeschlossen", hauchte er.
"Versuch es mal damit“, flüsterte Eva und reichte ihm einen Schlüssel.
"Wo kommt der den her?"
"Später, mach schon!"
Vorsichtig steckte Peter den Schlüssel in das Schlüsselloch, drehte einmal, zweimal und drückte dann die Klinke nieder. Mit dumpfem Knarren, das jedem Horrorfilm gerecht wurde, öffnete sich die Haustüre. Einer nach dem anderen schlüpfte ins Haus und versuchte dabei möglichst nicht zu stolpern. Peter glaubte sich daran zu erinnern, dass im Flur eine Kommode stand, fand sie dann auch sehr schnell, in dem er sich die spitze Ecke der Deckplatte in den Bauch rammte. Seltsamerweise verspürte er den Schmerz nicht nur knapp oberhalb der Hüfte, sondern gleichzeitig auch im Hinterkopf, verbunden mit einem lauten Gongschlag. Ein prachtvoller Sternenhimmel tat sich vor ihm auf, bevor er fast in Zeitlupe in die Knie sank und das Bewusstsein verlor. Das laute Kreischen der Frauen und das Klatschen von Ohrfeigen nahm er, wenn überhaupt nur noch unterbewusst wahr.
Ich bin blind, war sein erster Gedanke, als er allmählich wieder zu sich kam. Sein Schädel dröhnte und er hörte gespenstische Stimmen. Erst nach einer Weile fiel ihm auf, dass er seine Augen noch geschlossen hatte. Mit aller Kraft stemmte er seine Augenlieder auf, doch sehen konnte er nichts ausser einer weissen Wolke, die hin und her wogte. War er jetzt im Himmel?
"Er kommt zu sich“, sagte eine Stimme, die er zu kennen glaubte.
Sein Blick wurde klarer und sein Hirn nahm seine Arbeit wieder auf. So erkannte er schliesslich, dass es keine Wolke war, was er vor den Augen hatte, sondern weisser, dichter Angoraflausch, der zu einem kuscheligen Pullover gehörte, in dem wiederum Petra steckte. Peter wollte sich aufrichten, doch seine Geliebte hielt ihn sanft zurück.
"Bleib liegen. Du hast eine mächtige Beule am Hinterkopf“, sagte sie und küsste ihn zärtlich auf die Stirn.
"Was ist passiert?"
"Nette Freundin hast Du!", antwortete Jessika. "Sie hat dir mit der Pfanne eins übergebraten?"
"Kathi ist auch nicht besser. Von ihr habe ich ein blaues Auge“, fügte Hilli hinzu.
"Frauen!", murmelte Peter.
"Das musst ausgerechnet du sagen. Wer ist denn als erstes zu Boden gegangen?", frotzelte Jessika.
Peter hielt es nun nicht mehr in der waagerechten Lage. Keuchend und mit Petras Unterstützung setzte er sich auf und rieb sich den schmerzenden Hinterkopf, doch als er in die Runde schaute, musste er schmunzeln.
"Ihr hattet wohl vor, den SIR-Gangstern die Arbeit abzunehmen“, stellte er fest.
Da sass Hilli ihm gegenüber in einem Sessel und drückte sich einen Eisbeutel auf ihr linkes Auge. Auf der Armlehne rechts neben ihr hockte Eva mit einem grossen Pflaster am Kinn. Katharinas linkes Handgelenk war dick verbunden und Petra humpelte auffallend, als sie durchs Zimmer ging, um die rote Angoradecke zu holen, die über einem Sessel hing. Nur Jessika, die es sich in diesem Sessel bequem gemacht hatte, schien unverletzt zu sein.
Abgesehen von den Blessuren waren die Frauen ein toller Anblick. Eine hübscher als die andere, allen voran Petra, deren Locken mit dem üppigen Flausch ihres riesigen Rollkragenpullovers aus blütenweisser, reiner Angorawolle zu verschmelzen schienen. Dazu trug sie weisse Angorastrumpfhosen und ein paar weisse Hüttenschuhe aus Angora mit Ledersohle. Dass sie darunter weitere kuschelweiche Angorastricksachen trug, war zwar nicht zu sehen, aber zumindest sehr wahrscheinlich. Katharina hatte wieder ihren blauen Mohair-Jogginganzug an und sich das passende Stirnband über den Kopf gezogen. Auch Eva steckte in einem sehr kuscheligen Mohairpulli mit Norwegermuster und kleinem Stehkragen. Hilli im Cashmerepulli wurde gerade von Petra in die riesige, rote Angoradecke gewickelt und spätestens jetzt auch ins Bild der Schmusekatzen. Nur Jessika, wer sonst, steckte in Jeans und Holzfällerhemd. Wer aber genau hinschaute, dem entgingen ihre neidischen Seitenblicke nicht.
"Was macht ihr beiden eigentlich hier?", wollte Peter von Petra und Katharina wissen. "Hatte ich euch nicht gesagt, ihr sollt euch aus dem Staub machen?"
"Ja, hast du“, antwortete Petra und kuschelte sich verlegen in ihren Rollkragen. "Ich hatte mir ein Auto gemietet, wollte Kathi abholen und bin auf dem Weg hier herauf im Strassengraben gelandet."
"Dann ist das also doch dein Suzuki, der weiter unten im Graben liegt. Warum waren dann auf dem Fahrersitz keine Angorafusseln zu finden?"
"Weil ich deine Lederjacke trug, du Dummerchen."
"Ach richtig. Und weiter?"
"Wir entschieden uns also zwangsläufig hier im Haus zu bleiben und verbarrikadierten uns. Als wir dann glaubten, einen Motor zu hören, löschten wir alle Lichter. Wir bewaffneten uns mit Pfanne und Besenstiel unten verhielten uns so ruhig wie möglich. Wir hatten ganz schön Angst, kann ich Dir sagen, als plötzlich die Haustüre aufging und vier dunkle Gestalten herein schlichen."
"Und da habt ihr vorsichtshalber erst einmal zugeschlagen“, witzelte Jessika.
"Hätten wir uns vielleicht vorher vorstellen sollen?"
"War schon richtig so“, meinte Peter und rieb sich den Kopf. "Ich habe auch so einiges erlebt."
"Das weiss ich bereits. Eva, Hilli und Jessy haben uns alles erzählt. Ich hätte gerne dein Gesicht gesehen, als du in meine Angorasachen gepackt bei ihnen klingeln musstest. War's schlimm?"
"Am Anfang schon, aber im Nachhinein betrachtet, bin ich froh, dass ich es getan habe. Die Mädchen sind schon Klasse."
"Das konnten wir auch schon feststellen“, bestätigte Kathi und setzte sich neben Hilli auf die Armlehne des Sessels.
"Danke, für das Kompliment“, sagte Hilli, kuschelte sich fester in die flauschige Angoradecke und fragte: "wie soll es nun weitergehen?"
Kapitel-8
Es war schon nach Mitternacht und der aufregende Tag forderte von allen sechs Freunden seinen Tribut. Selbst Jessika war ungewöhnlich ruhig geworden. Doch als Petra vorschlug schlafen zu gehen, war sie es, die eine Nachtwache anregte und sich dafür zur Verfügung stellte.
"Die Idee ist gut“, bestätigte Peter. "Aber auch du brauchst etwas Erholung. Wir sollten uns alle zwei Stunden abwechseln und paarweise Wache schieben. Das hilft gegen Langeweile und die Gefahr des Einschlafens. Wer hat Lust, mit Jessika zusammen die erste Wache zu übernehmen?"
Zunächst versuchten alle, so unbeteiligt wie möglich auszusehen. Alle wollten eigentlich nur eines: schlafen. Dann aber liess Hilli sich erweichen und hob zaghaft die Hand.
"Danach kann ich wenigstens vier Stunden am Stück schlafen“, meinte sie und die anderen ärgerten sich, dass sie nicht selbst darauf gekommen waren.
Gemeinsam machten die sechs Freunde einen Rundgang durchs Haus, um zu prüfen, ob Fenster und Türen gut verschlossen waren. Dann machten es sich Jessika und Hilli an einer Fensterbank mit Blick in die rabenschwarze Nacht so bequem wie möglich. Peter brachte ihnen etwas zu Trinken, während Petra eine weisse Angoradecke holte und diese um Jessika wickelte.
"Brauche ich nicht“, entgegnete der Rotschopf ein wenig gereizt. "Mir ist nicht kalt."
"Noch nicht. Aber in deinem dünnen Hemd wirst du bald frieren. Also keine Widerrede."
"Petra hat Recht“, sagte Hilli leise. "Ausserdem ist diese Angoradecke himmlisch flauschig."
Demonstrativ zog sie die weiche Decke über den Kopf, kuschelte sich bis zur Nasenspitze hinein und schnurrte behaglich wie ein Kätzchen. Jessika war überredet. Sie liess sich sogar dazu hinreissen, einmal kurz durch den tiefen, weichen Angoraflausch zu streicheln und bemühte sich vergeblich den Ausdruck des Wohlbehagens in ihrem Gesicht zu verbergen.
Schmunzelnd nahm Peter seine Petra in den Arm und forderte die anderen beiden Mädchen auf, ihnen nach oben zu den Schlafzimmern zu folgen.
"Sucht euch ein Zimmer aus“, meinte Petra und zog ihren verdutzten Freund mit sich in ihres. "Du kommst mit zu mir."
"Wenn's sein muss“, antwortete Peter innerlich jubelnd und bekam sogleich einen kräftigen Schubs, der ihn auf das mit einer beigefarbener Angoradecke bezogene Bett beförderte.
"Pack' dich schon mal ins Bett. Ich komme gleich nach. Will mir nur etwas anderes anziehen“, sagte Petra zärtlich und verschwand im angrenzenden Badezimmer.
Was anderes anziehen? Ein durchsichtiges Negligee konnte er sich an Petra ganz und gar nicht vorstellen. Andererseits war sie immer für eine Überraschung gut. Auch wenn er eigentlich todmüde war, dies war die Nacht der Nächte, die Gelegenheit, um Petra zu vernaschen! Das hatte er sich schon gewünscht, als sie sich zum ersten Mal begegneten. Auch seinen kleinen Freund unter der Latzjeans und der flauschigen Strumpfhose schien dieser Gedanke zu Höchstleistungen zu erregen. Eilig zog sich Peter nackt aus und schlüpfte hinein in das kuschelweichste Bett, das jede Vorstellung übertraf. Was für ein Gefühl, rundherum von reinster, flauschigster Angorawolle umgeben zu sein! Dazu die Erwartung des lang ersehnten Liebesspiels. Peter zitterte vor Erregung und vergass darüber sogar seinen Brummschädel. Endlich, endlich ging die Tür zum Badezimmer wieder auf und Petra trat in das sanfte Licht des Schlafzimmers. Peter verschlug es den Atem. Alles hatte er erwartet, nur das nicht! Seine Freundin, seine Geliebte war nicht nackt, alles nur das nicht. Ganz im Gegenteil. Sie trug etwas, das Peter sofort einen Strampelanzug erinnerte. Er war aus verführerisch flauschiger Angorawolle und hatte angestrickte Füsslinge. Als sie auf ihn zukam, wogte der zartrosafarbene Flausch hin und her. Dazu trug sie eine ihrer voluminösen, weissen Angoramützen, die mit langen Kordeln unter ihrem Kinn zusammengebunden war, und weisse, weiche Angorahandschuhe. Doch das schien noch nicht alles zu sein. Entweder hatte sie innerhalb weniger Minuten mächtig Gewicht zugelegt, oder aber sie trug noch mindestens zwei weitere Angorapullover und -strumpfhosen darunter. Mit einem strahlenden Lächeln löschte sie das Licht und kroch zu Peter unter die kuscheligen Decken.
"Du bist ja nackt!"
"Ich da ... dachte ..." stotterte Peter.
"Ich weiss schon, was du dachtest!", flüsterte sie, begann zärtlich an seinem Ohr zu knabbern und mit ihrer flauschig weichen Hand sanft über seinen Oberkörper zu streicheln. Langsam, ganz langsam tastete sie sich weiter nach unten und erreichte seinen Bauchnabel. Peter schlang seine Arme um ihren Körper und zog sie noch näher zu sich heran. Er konnte ihren Zahnpasta Atem riechen. Immer intensiver wurde der Geruch, bis sich ihre Lippen und schliesslich die Zungenspitzen berührten. Petra streichelte dabei unablässig weiter, hatte schon fast seinen betonharten Lümmel erreicht, als sie plötzlich davon abliess. Stattdessen fummelte sie in Hüfthöhe an ihrem Schlafanzug herum. Peter hörte mehrfach ein Klicken, das wie das Öffnen von Druckknöpfen klang. Dann, nach unendlich langen Sekunden umfasste sie sein Stehaufmännchen und führte ihn durch dicke, weiche Angoraschichten bei sich ein. Im Gleichklang der Bewegungen, sich gegenseitig streicheln und küssend steigerte sich die Erregung der beiden in bisher ungeahnte Dimensionen. Peter war kurz vor der Ekstase, doch er kämpfte dagegen an. Er wollte, nein er musste dieses herrliche Gefühl der Vorfreude auf den Orgasmus noch so lange wie möglich geniessen. Der Flauschrausch gepaart mit dem zärtlichsten Sex, den er je erlebt hatte, war so unendlich schön, dass er gar nicht merkte, wie er langsam auf Petra rollte, sein Gesicht in den Angoraflausch um ihre vollen Brüste tauchte und seine Arme noch fester um ihren Körper schlang. Dann aber konnte er sich nicht mehr halten. Auch Petras feines Stöhnen hatte sich inzwischen zu einem leisen Kreischen und hastigen Atmen gewandelt. Er bäumte sich auf. Alle Sinne schienen zur selben Zeit zu explodieren. Und ein Feuerwerk entstand in seinem Kopf, als Peter sein kostbares Gut an Petra übergab. Wie in Trance machte er noch weiter bis Petra einen spitzen Schrei von sich gab, der sogleich in schweres Atmen überging. Keuchend lagen sie aufeinander. Allmählich löste sich die Spannung in Peters Händen, die sich tief in den weichen Angoraflausch ihres Schlafanzuges gegraben hatten. Er zog seinen ungeahnt leistungsfähigen kleinen Freund, der sich immer mehr entspannte, aus ihr und legte ihn auf ihrem kuscheligen Oberschenkel für einen Moment zur Ruhe.
"Fröhliche Weihnachten, mein Schatz“, säuselte Petra.
"Das war ein Fest!"; gab er zurück.
Danach rollte er von ihr herunter, bevor sie eng aneinander gekuschelt einschliefen.
"Auuufwaaachen, auuuufwaaaaachen“, hörte Peter im Traum eine Stimme rufen. Das konnte nicht sein. Er war doch gerade erst zu Bett gegangen. Vorsichtshalber öffnete er dann doch seine Augen, um sie danach sofort wieder zu schliessen. Er hatte direkt in das grelle Licht der Schlafzimmerlampe geblickt. Dann fühlte er, wie etwas Weiches an seiner Nase kitzelte. Er riskierte einen zweiten Versuch, die Augen aufzumachen und blinzelte in das schelmisch grinsende Gesicht von Katharina.
"Wasnlos?", brummelte er.
"Tut mir leid, aber ihr seid mit der Wache dran“, meinte Kathi.
"Mussndassein?"
"Bitte! Ich will auch noch ein bisschen schlafen."
Neben Peter rekelte sich Petra schlaftrunken und gähnte herzhaft.
"Ist es schon Morgen?"
"Fast, es ist halb sechs“, antwortete Kathi ihr.
"Viel zu früh“, nuschelte Petra und schmiegte sich wieder an Peter.
"Komm schon, Kathi hat recht. Wir sind mit der Wache dran. In zwei Stunden kannst du weiterträumen."
"Hmmm ...", maulte Petra missmutig und wurschtelte sich aus dem warmen, weichen Kuschelbett.
Erst jetzt erinnerte sich Peter daran, dass er splitternackt war. Die Schamröte stieg merklich in ihm auf.
"Schon gut, ich bin weg“, sagte Kathi verständnisvoll und zwinkerte ihm zu. Widerwillig stand Peter auf, schauderte ob der Kälte im Schlafzimmer und musste erst gar nicht dazu aufgefordert werden, seine Angorastrumpfhose und danach gleich seinen Angorapulli anzuziehen. Während seine Freundin die weissen Hüttenschuhe überstreifte, wickelte er sich zusätzlich in die beigefarbene Angoradecke ein, nahm seine noch schlaftrunkene Geliebte bei der Hand und ging mit ihr nach unten. Auf der Fensterbank wartete eine Thermoskanne voll Kaffee, zwei Becher, Milch und Zucker auf die beiden Wachhabenden. Nett von den anderen, dachte Peter und schenkte ein. Dann wickelte er Petra mit in seine Kuscheldecke ein, setzte sich mit ihr und begann in die schwarze Nacht zu starren. Bald schon hörte er an den gleichmässigen Atemzügen, dass sein Mädel in seinen Armen wieder eingeschlafen war. Sie hatte ihren Kopf an seine Wange gelehnt und er genoss es, sich vom weichen Flausch der dicken Angoramütze streichen zu lassen.
Draussen wurde es langsam heller. Nicht nur der Morgen graute, auch die dicken Schneewolken hatten sich verzogen. Der Tag versprach schön zu werden. Peter rieb sich fest die Augen, fischte einen Angorafussel aus dem Mundwinkel und hielt plötzlich inne. Da war doch was! Am Waldrand gegenüber hatte sich etwas bewegt. Sofort war er hellwach, schob Petra zur Seite und kniff die Augen zusammen. Da, schon wieder! Einige niedere Tannen wackelten und Schnee rutschte von den Zweigen. Peter duckte sich und schielte über das Fensterbrett. Sein Herz pochte so laut, dass Petra daran aufgewacht zu sein schien. Unübersehbar bewegten sich mehrere Schatten durchs Unterholz.
"Ist was?", fragte sie und zog die Kordeln ihrer flauschigen Mütze fester zu.
"Ja. Im Wald bewegt sich etwas."
"Sind sie es?"
"Ich fürchte ja."
"Jetzt sitzen wir in der Falle!", fürchtete Petra.
"Ins Haus kommen sie nicht so schnell rein. Das werden wir verhindern! Such mein Handy, damit wir die Polizei rufen können."
"Handys funktionieren hier oben nicht. Ich hab gestern versucht, dich zu erreichen“, erklärte Petra.
"Dann müssen wir uns eben selbst helfen."
"Mistkerle! Heute ist doch Weihnachten."
"Zur Feier des Tages können wir sie ja mit Christbaumkerzen bewerfen."
"Dass du in solch einer Situation Witze machen kannst“, schimpfte Petra.
In diesem Moment wurde eine der Tannen zur Seite gedrückt und die dunklen Schatten traten hinaus auf die Lichtung. Peter blieb fast das herz stehen und Petra stiess einen angstvollen Schrei aus. Doch dann mussten beide herzlich lachen. Drei Rehe stapften durch den tiefen Schnee, reckten kurz die Hälse und verschwanden anschliessend ein paar Meter weiter im Dickicht.
An Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Es war kurz nach halb acht Uhr und die ersten Sonnenstrahlen blinzelten von Osten her durch den Wald. Petra rekelte sich genüsslich, reckte und streckte sich und gab ihrem Liebesten schliesslich einen Kuss.
"Wofür?"
"Weil es dich gibt“, sagte sie lächelnd, wickelte sich aus der kuscheligen Angoradecke und erhob sich.
"Ich muss mich umziehen. Mach du inzwischen Feuer. Es ist saukalt“, stellte sie mit schaudern fest.
Wie kann sie in diesem dicken Angoraoutfit überhaupt spüren, ob es warm oder kalt ist, fragte sich Peter. Aber süss sah sie aus in ihrem rosa Schlafanzug. Petra schien seine Gedanken erahnt zu haben und warf ihm noch einen kessen Blick zu, bevor sie sich nach oben begab. Kopfschüttelnd zog Peter seine Angorastrumpfhose hoch. An dieses kuschelige Stück hatte er sich inzwischen mehr als nur gewöhnt. So weich und flauschig und warm und ... wie peinlich, er hatte gar nichts drüber.
"Bring mir eine Jeans mit“, rief er Petra hinterher. Dass sie ihn nicht mehr hören konnte, wusste er nicht.
Gut gelaunt legte Peter drei grosse Holzscheite in den offenen Kamin, packte ein paar Tannenzapfen dazu und blies in die Glut, die von der langen Nacht noch übrig geblieben war. Bald erfüllte ein knisterndes Feuer den Raum mit Wärme, ohne dass gleich das ganze Zimmer in Flammen stand. Peter hatte von den vorangegangenen Versuchen als Feuerwerker gelernt und das Schutzgitter vor den Kamin geschoben. Zufrieden liess er sich in einen der schweren Ledersessel fallen und schaute gedankenverloren ins Feuer.
"Da bin ich wieder“, hauchte eine Stimme zärtlich in sein linkes Ohr.
"Schön, hast du mir eine Jeans mitgebracht?", wollte er wissen und drehte sich zu Petra um.
"Hätte ich sollen? Tut mir leid. Aber ich habe eine zweite Angorastrumpfhose und einen kuscheligen Pulli für dich. Darin gefällst du mir ohnehin besser“, meinte sie und hielt ihm die Sachen hin.
"Ach Petra, ich kann doch nicht in Strumpfhosen herumlaufen. Nicht vor den anderen“, beschwerte sich Peter, obwohl er wusste, dass Widerstand zwecklos war.
"Ich kann es doch auch. Sieh mich an. Habe ich vielleicht keine Strumpfhose an?"
Natürlich hatte sie eine an. Vermutlich nicht nur eine, sondern gleich drei. Und dazu einen eisblauen Maxipulli mit einem Rollkragen der gut und gerne viermal umgeschlagen war und ihr noch immer bis zur Nasenspitze reichte. Beides, Strumpfhose und Pullover waren so flauschig, dass man die Maschen des Gestricks mehr erahnen als sehen konnte. Sie sah wie immer unwiderstehlich aus.
"Zieh die Sachen an. Mir zuliebe. Bitte!", flehte sie mit treuherzigem Blick.
"Na gut. Dir zuliebe mache ich mich sogar lächerlich“, antwortete Peter, nahm ihr die weichen Angorastricksachen ab, streifte die dunkelblaue, kuschelige Strumpfhose über die andere und schlüpfte anschliessend in den hellblauen, Superpulli. Er war riesig und unglaublich dick. Es dauerte einige Zeit, bis sein Kopf den Ausgang durch den voluminösen Rollkragen fand. Petra musste ihm sogar dabei helfen und den Kragen einmal, zweimal, gleich dreimal umschlagen. Was für ein Gefühl, dachte Peter, streichelte über den dichten Flausch über seinem Bauch und schaute an sich herunter. Der Pullover reichte bis zu seinen Oberschenkeln.
"Und? Ist das nicht ein herrlicher Pulli?", fragte Petra kess.
"Ja. Langsam aber sicher steckst du mich mit deiner Angora Macke an. Unglaublich weich! Und dieses Outfit hat noch einen weiteren Vorteil ..."
"Der wäre?", wollte Petra wissen.
"Damit habe ich leichtes Spiel mit den Gangstern. Wenn sie mich so sehen, werden sie sich totlachen."
"Schön wär's."
Auch wenn sie sich nichts anmerken liess, Peter fühlte, dass seine Freundin grosse Angst hatte. Er nahm sie fest in die Arme, streichelte sie sanft und gab ihr einen langen Kuss dahin, wo er ihren hübschen Mund unter dem dichten Angoraflausch ihres Kragens vermutete. Als er sich nach einigen, viel zu kurzen Minuten von ihr lösen konnte, fragte er:
"Habe ich mich eigentlich schon für die wunderschöne Nacht bei Dir bedankt?"
Petra lächelte wieder. Doch bevor sie etwas sagen konnte, hörten sie Stimmen und gleich darauf Schritte auf der Treppe. Hilli war noch immer in die rote Angoradecke gekuschelt. Ob sie dieses flauschige Stück wohl jemals wieder hergeben würde? Ihr folgte eine noch sehr verschlafen wirkende Katharina in einem zartgelben Mohairanzug, mit einem weissen Angoraschal um den Kopf gewickelt und weissen Angorasöckchen an ihren zierlichen Füssen.
"Fröhliche Weihnachten“, murmelte sie, gab zuerst Petra, dann Peter ein Küsschen auf die Wangen und liess sich dann in einen der Ledersessel fallen.
Nur wenig später gesellte sich eine in ihren beigefarbenen Mohairpulli gepackte Eva dazu. Und zuletzt erschien Jessika. Als sie in die Runde ihrer neuen und alten Freunde sah, schien sich ihre rote Haarmähne noch mehr aufzustellen. In Jeanshose und -hemd musste sie sich wie eine Aussenseiterin vorkommen. Sie fühlte sich unwohl, lachte nicht einmal über Peters flauschigen Aufzug. Petra erkannte sofort, was los war, nahm sie in den Arm und sagte:
"Komm mit mir nach oben. Bei meinen Sachen ist sicher etwas kuschelweiches für dich zu finden."
"Nicht nötig, mir ist warm genug. Ich brauche keine Fusselklamotten“, sträubte sie sich.
"Was hast du gegen flauschige Stricksachen?“, wunderte sich Petra.
"Sie wurde als Baby in Eiswasser gebadet“, fiel Eva den beiden ins Wort.
"... und bekam den Po mit Schleifpapier gewischt“, ergänzte Hilli schmunzelnd.
"Immernoch besser, als in Watte gepackt zu werden“, konterte die grimmig aussehende Jessika.
"Ihr müsst wissen“, begann Eva zu erklären, "Jessika hatte es als Kind alles andere als leicht. Sie war ziemlich mollig und ..."
"EVA!"
"... und nicht gerade hübsch, um nicht zu sagen hässlich. Dazu ihre roten Haare. Ich kenne sie seit der Grundschule und weiss, was sie durchmachen musste. Sie wurde aufs Übelste gehänselt und konnte keine Freunde finden."
"Eva, das geht niemanden etwas an!", sagte Jessika schroff.
"Doch, wir sind deine Freunde. Das geht uns deshalb etwas an, weil wir dich mögen!", gab Eva ebenso hart zurück. "Jessika bekam psychische Probleme, begann zu stottern und machte ..."
"Eva, ich warne dich!"
"... sich ständig in die Hose."
"Was erzählst du hier Lügen? Ich hasse dich!"
"Dann hasst du mich eben. Es sind keine Lügen. Irgendwann muss es einmal raus. Du kannst nicht immer alles in dich hinein fressen, hinter deiner burschikosen Art verbergen. Es war damals schlimm für Dich, und du hast mir wahnsinnig leid getan. Heute ist das alles überstanden. Du bist eine bildhübsche Frau, zu der das raubeinige Gehabe ganz und gar nicht passt."
"So bin ich eben."
"So bist du eben nicht! Ich weiss doch, wie du darunter leidest, dass du keinen Freund hast. Kaum interessiert sich einer für dich, wirst du zur Hexe, die derbe Sprüche von sich gibt und sich über andere lächerlich macht."
"Das tue ich nicht!"
Jessikas Brustkorb hob und senkte sich wie bei einem wütenden Stier. Aber die feuchten Augen bewiesen, dass Eva ins schwarze getroffen hatte.
"Na wer hat denn vor lachen unter dem Tisch gelegen, als Peter in seinen Angorasachen bei uns aufkreuzte? Du doch. Du gibst heute zurück, was du als Kind erleiden musstest. Das macht dich nicht unbedingt liebenswert. Wir alle hier haben dich trotzdem sehr gern und für uns ist es wichtig, dass es dir gut geht. Also, sei einmal die Frau, die du gerne sein möchtest: zärtlich, verschmust, romantisch und offenherzig. Nur einmal! Du wirst sehen, wie schön das ist. Und jetzt geh mit Petra nach oben und lass dir etwas zum Einkuscheln von ihr geben."
Für den Bruchteil einer Sekunde war in Jessikas Mundwinkel ein Lächeln zu erahnen. Durch einen Tränenschleier schaute sie Petra in die Augen. Die nickte nur aufmunternd und verliess dann mit ihr den Raum. Alle anderen waren wie erstarrt, nur Eva zitterte vor Erregung und schnaufte laut. Nach einigen schweigsamen Minuten sagte sie:
"Ich habe Jessika viel zu gerne, um ihre Spielchen noch länger mit ansehen zu können. Ich musste das irgendwann einmal loswerden. Meint ihr, sie ist mir wirklich böse?"
"Naja, Blümchen waren das nicht, was du ihr an den Kopf geworfen hast, aber anders versteht sie es wohl kaum“, versuchte Hilli die verunsicherte Eva zu beruhigen.
Gute zehn Minuten standen und sassen die vier wortlos beieinander. Doch als die Tür zur "guten Stube" geöffnet wurde, richteten sie wie auf Kommando ihre Blicke auf das was oder besser die, die gleich hereinkommen würde. Nicht nur Peter fiel der Unterkiefer hörbar auf die Brust. Jessika war kaum wiederzuerkennen. Sie trug ein feuerrotes Twinset aus zweifellos reiner Angorawolle. Der üppige Rollkragen reichte bis an ihre Ohren. Dazu hatte sie schwarze Angora-Bermudas und eine dicke Strumpfhose aus derselben roten Angorawolle wie die Oberteile an. Ihre Füsse steckten in schwarzen Angorasocken, über die sie schwarze Stiefeletten gezogen hatte. Dazu die roten Wuschelhaare und das beschämte Lächeln in ihrem Gesicht. Sie sah absolut umwerfend aus. Nicht zuletzt Peters Lümmel unter seinen Angorastrumpfhosen hatte das bemerkt und zuckte verdächtig.
"Bist du mir noch böse?", fragte Eva vorsichtig.
Statt zu antworten, ging Jessika auf sie zu und gab ihr eine nicht gerade zimperliche Ohrfeige. Anschliessend nahmen sich die beiden in die Arme, streichelten sich gegenseitig über die flauschig eingehüllten Körper und weinten hemmungslos. Gerührt von diesem Anblick kuschelte sich Petra an ihren weichen Freund und liess sich mehrmals auf ihre Locken küssen. Jetzt ist Weihnachten, dachte Peter.

E N D E